Vorratsdatenspeicherung, Bundestrojaner, digitale Spionagezentrale, biometrische Ausweise, Steuer-ID und zweifelhafte Sammlung von Autokennzeichen nebst Datum und Orten – der Staat entwickelt in letzter Zeit einen ungezügelten Appetit auf die Daten der Bürger. Mit der aktuellen Serie von Datenschutzpannen und mehreren Missbrauchsfällen zeigt sich, dass dies ein gefährliches Spiel ist.
Ungebremste Datensammelwut
In Utah weiß man mehr über Sie als Sie selbst. Nicht nur, weil sich dort die weltgrößte Datensammlung genealogischer Daten befindet, sondern weil die Bundesregierung vor ein paar Wochen sämtliche gesammelten Ermittlungsdaten aller unserer Behörden (angeblich inklusive der Schwarzfahrer und Falschparker!) an die Amerikaner ausgehändigt hat. Damit können die mehr oder weniger bekannten US-Dienste über beinahe jeden Bundesbürger eine Akte anlegen. Und falls Sie jemals größere Geldbeträge unter ihrem Namen ins oder im Ausland bewegt haben, wissen das die US-Behörden ebenfalls, denn sie plünderten vor Jahren schon die belgische Swift-Datenbank, welche europäische Finanztransaktionen protokolliert.

Wo also EU- und Bundesbehörden einerseits sammelwütig sind, die Bürger aber andererseits recht sorglos bis freigiebig mit Daten umgehen, brauchen wir uns eigentlich nicht zu wundern, wenn es jedes Jahr zigtausende illegale Auslandsabbuchungen von deutschen Konten gibt. Der dabei entstehende Schaden wird von der Finanzwirtschaft tunlichst geheim gehalten, damit die Bevölkerung nicht in Ohnmacht fällt und die nächste Bankenkrise auslöst. Da passt es nahtlos ins Bild, wenn wir nun fast täglich von weiteren Vorkommnissen, Datendiebstählen und unbemerkten monetären Abflüssen hören. Schließlich warnen die Daten- und Verbraucherschützer seit Jahren, dass wir Deutschen (Privat, Firmen, Öffentliche Hand) viel zu lax mit unseren Anschriften und Kontodaten umgehen und viel zu vielen Organisation erlauben, Daten zu horten.
Neben staatlich verordneter Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchungen, lebenslanger Steuer-ID und elektronischer Gesundheitskarte gibt es die Auskunfteien wie Schufa, Creditreform und Infoscore sowie Adresshändler wie Global Group, AZ Direct und Schober – sie haben einen Bestand von mehr als 50 Millionen Datensätzen – und natürlich die Konzerne mit ihren Kundendaten. Besonders differenziert und fleißig tun sich dabei Versicherungen und Telekommunikationsfirmen hervor.
»Fast alles, was wir tun, wird irgendwo erfasst«, erklärte der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz in Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, gestern gegenüber Spiegel Online.









