Autor sieht ein Web der Hasser

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Das Internet sei das perfekte Medium, um seinen Hass auszuleben, schreibt der angesehene Autor Andrew Brown. Bei vielen Themen würden sich Wildfremde nach wenigen Sätzen bereits an die Gurgel gehen.

In vielen Gesellschaften ist es ein verbreitetes Tabu, in bunter Runde bestimmte Themen wie Politik oder Religion zu berühren. Man weiß aus Erfahrung, dass hier die Emotionen schnell hochkochen und es selbst in Familienkreisen leicht zu Schlägereien kommen könnte. Im Internet gibt es diese Zurückhaltung in keinster Weise, beobachtete der britische Autor Andrew Brown. Obwohl die meisten Surfer und Kommentatoren total nüchtern sind (im Gegensatz zu den Familienfeiern), sind sie im Web deutlich schneller mit Provokation, Beleidigung und Missachtung bei der Hand. Dabei geht es oft um gar nichts, weder Prestige noch Hackordnung noch Auskommen stehen hier auf dem Spiel, zumal die meisten Streithähne ohnehin per Pseudonym oder ganz Anonym unterwegs seien. “Diese seltsame Intimität der Online-Kommunikation erlaubt es völlig Fremden, sich innerhalb von Minuten von ganzem Herzen zu hassen”, beobachtet Hobby-Soziologe Brown. Das gelinge den Leuten nicht nur bei Herzblutthemen wie Religion oder Politik, sondern auch bei recht trockenen und abstrakten Themenfeldern (ob er die INQ-Debatten Intel vs. AMD, Windows vs. Linux, PC/Dell vs. Apple, RIAA vs. Rest der Welt gelesen hat?).
Die teils heftigen Online-Debatten haben seiner Beobachtung nach sogar schon Auswirkungen auf die Gesellschaft. So führten die heftigen Internet-Schlachten letztlich zu einem Schisma in der anglikanischen Gemeinschaft. Dann gibt es Online-Kreise (von Wildfremden!), die aktiv gegen die Scientologen vorgehen.
Und nicht zuletzt tragen die “neuen evangelischen Atheisten” in den USA ihren Streit rund um den Creationismus vor Gericht, in Talkshows und im Internet aus. Da werden dann auch gerne Todesdrohungen gepostet und Droh-E-Mails verschickt. Und beleidigende Fotos gebastelt, die dann im Social Network oder auf Flickr landen. “Aber wenigstens sprengen sich die Diskutanten nicht gegenseitig in die Luft, was vor nicht langer Zeit in Nordirland noch an der Tagesordnung war”, erinnert Brown. Bleibt die Frage, ob der Online-Hass ein Ventil ist und bei den Beteiligten die Aggression im realen Leben senkt? (rm)

Guardian