Neuer Online-Trend aus USA: Nachbarn ankreiden

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Zurück in die schönsten Blockwart-Zeiten? Auf einem Social Network in Amerika schwärzen sich die Nachbarn gegenseitig an. Ausgrenzung 2.0.

Das hätten sich die Kraft-durch-Freude-Jungmänner auch nicht perfider ausdenken können: Die Betreiber von Rottenneighbor.com wollen bloß ihr Viertel sauber halten. Ähh, “bei der Wahl einer sicheren Wohngegend helfen”. Und dafür mit dem Satellitenfinger auf rot markierte Häuser zeigen, in denen unfreundliche Zeitgenossen, dreckiges Gesindel und vaterlandslose Gesellen hausen. Oder was sie gerade dafür halten. Für jedes Haus gibt es eine detaillierte Diffamierungsliste. Falls das Beispiel Schule macht und zu einer Massenveranstaltung wird, gibt es bald mehr rote als grüne Häuser (wer hat nicht irgendwelche nervigen Nachbarn?). Die ersten angeschwärzten Asozialen versuchen sich gerade, vor US-Gerichten dagegen zu wehren und ihren Namen (und ihr Viertel) damit wieder reinzuwaschen.
“Hinter dieser Plattform verbirgt sich nichts anderes als die moderne Methode des Blockwart-Systems, das wir aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen”, echauffiert sich Hans Zeger, Obmann des Datenschutz-Vereins Arge Daten. Die Argumentation des Seitenbetreibers, dass man dem zunehmenden Wunsch der Menschen nach Sicherheit und nach verlässlichlichem Immobilienkauf Rechnung trage, könne Zeger nicht nachvollziehen: “Das ist keine Frage von Sicherheit, sondern eine des Zusammenlebens. Außerdem weiß doch niemand, ob die abgegebenen Kommentare der Wirklichkeit entsprechen.”inq_rottennachbarn.jpg
Es geht noch heftiger: Auf Seiten wie Neighborhoodlink oder Mystreet werden verurteilte Vergewaltiger oder Pädophile in Straßenkarten eingetragen. Nicht vom Staat, sondern von irgendjemanden. Ach ja: Rottenneighbor.com hat auch schon über 20 Markierungen in unserer Bundeshauptstadt zu bieten. Vor allem “asoziales Verhalten” wird in Berlin angekreidet. Als US-Portal sind sie dafür rechtlich kaum zu greifen.

Abgemilderte Nachahmer gibt es auch schon unter den deutschen Portalbetreibern. Zum Beispiel www.meine-nachbarschaft.de. Hier wollen sich Umzugswillige vorab ein Bild über die Bedingungen in der zukünftigen Wohngegend machen. Allerdings werden (noch) nicht die negativen Merkmale oder Personen herausgestellt (was Verleumdung wäre), sondern infrastrukturelle Bedingungen (Einkaufsmöglichkeiten, Kinderkarten, Parplatzsituation, Haltestellen) abgeklopft. (rm)

katv

Die Presse