Crowdfunding
Die Community zahlt

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Zahlreiche Projekte im Web sammeln bei ihren Nutzern Spenden, um etwa die Produktion von CDs zu finanzieren oder die Entwicklung von Software. Mal funktioniert das gut, und mal weniger gut.

Finanzierung aus dem Web

Crowdfunding

Immer wieder machen Internet-Aktionen von sich reden, bei denen Kundenwünsche gebündelt und in Produkte umgesetzt werden. Zuletzt sammelten engagierte Schleckermäuler in mehreren Petitionen an Langnese insgesamt über 20 000 Unterschriften. Sie wollten die Eissorte Nogger Choc wieder haben. Die Langnese-Manager waren begeistert und folgten dem Kundenwunsch.

Analysieren wir den Vorgang mal: 20 000 Leute geben die Zusage: »Wenn Ihr dieses Produkt herausbringt, bin ich bereit, es für einen Euro zu kaufen – wahrscheinlich sogar mehrmals.« Der Anbieter bringt das Produkt, kassiert das Geld, alle sind glücklich.

Leider sind das meist Einzel-Aktionen. Aber wäre es nicht ein treffliches Geschäftsmodell, eine Plattform für solche Aktionen zu schaffen? Es gibt solche Plattformen. Die erfolgreichste ist ein Unternehmen, das man Plattenfirma nennen könnte, wenn es denn noch Platten gäbe. Auf sellaband.com kann sich jeder um einen Plattenvertrag bewerben. Nachdem man sich mit seiner Band registriert hat, rührt man die Werbetrommel, um 50 000 Euro für die Produktion einer CD zusammenzubekommen. Findet man 5000 Fans, die je zehn Dollar zu zahlen bereit sind, kommt der Vertrag zustande. 18 CDs wurden so schon finanziert. Das Prinzip nennt sich Crowdfunding, und Sellaband beweist, dass es funktionieren kann.

Hier funktioniert Crowdfunding: Sellaband hat schon 18 Musik-CDs finanziert. ((Ins Bild klicken für größere Ansicht.))


Aller Anfang ist schwer

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Lange Zeit sah es gar nicht gut aus für das Konzept des Crowdfunding. Vor zehn Jahren beschrieb Sicherheits-Guru Bruce Schneier zusammen mit Co-Autor John Kelsey das Street Performer Protocol. Wie der Name andeutet, ist das Vorbild dieses Konzepts der Straßenmusiker, der seine Gage mit einem Hut einsammelt. Schneier schlug vor, dieses Geschäftsmodell ins Internet zu übertragen. Funktionieren sollte das so: Ein Künstler verlangt von seinen Fans eine bestimmte Summe, bevor er ein Werk veröffentlicht. Nur wenn das Publikum die Summe zusammenbringt, kommt es in den Genuss des Werks. Damit weder der Künstler noch das Publikum betrügen können, kann ein Treuhänder eingeschaltet werden. Sellaband setzt das zehn Jahre später in die Praxis um.

Das Modell lässt sich theoretisch von künstlerischen Projekten auf Software übertragen, aber in der Praxis ist das bis heute noch niemandem gelungen. Um die Jahrtausendwende gab es eine Handvoll Marktplätze, die versuchten, Open Source-Projekte mit Crowdsourcing zu finanzieren – sie wurden alle wieder eingestellt. An einem Projekt, SourceXchange, war sogar Hewlett-Packard beteiligt. Aber auch von diesem Marktplatz ist nichts weiter geblieben als Erinnerung. Auch von anderen Crowdsourcing-Marktplätzen sind nur noch Ruinen zu finden: BountySource.com, buntycounty.org, havemoneywillvlog.com, copycan.org und freinutz.net dümpeln genauso erfolglos vor sich hin wie die Source Agency der Fraunhofer Gesellschaft, die seit ihrer Gründung 2004 noch kein einziges Projekt abgeschlossen hat.


Nächster Versuch

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Aber es gibt noch Hoffnung, denn seit Herbst 2007 gibt es zwei Plattformen, die erneut versuchen, Open-Source-Projekte mit Crowdfunding zu finanzieren: Cofundos aus Deutschland und MicroPledge aus Neuseeland arbeiten beide ähnlich. Bei beiden geht die Initiative für ein Projekt von der Anwenderseite aus. Und das geht so:

– Jemand wünscht sich ein bestimmtes Produkt oder eine Funktion und ist bereit, dafür einen bestimmten Betrag zu zahlen.

– Er veröffentlicht seinen Produktwunsch und sucht sich Gleichgesinnte, die ebenfalls Beträge zusagen.

– Sobald genug Geld zusammengekommen ist, wird jemand beauftragt, das Produkt zu erstellen.

Bei MicroPledge hat das schon 13 mal funktioniert. Allerdings wurden für die 13 Projekte nur 2000 Euro an die Entwickler ausgezahlt. Auf Cofundos wurden bisher 10 200 Euro für 105 Projekte ausgelobt. Von solchen Mini-Projekten kann kein Entwickler leben. Das erste größere Projekt auf Cofundos sollte eigentlich Ende April 2008 abgeschlossen sein: ein verbesserter PDF-Handler für das Layout-Programm Scribus. Bis zum 20.05.2008 war das Projekt aber noch nicht abgeschlossen.

Cofundos und MicroPledge wollen Open-Source-Projekte finanzieren. MicroPledge bietet neben dem Crowdfunding auch einen Treuhandservice an. ((Ins Bilde klicken für vollständige Ansicht.))


Wohltätigkeit zieht

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Vielleicht sollten die Open-Source-Entwickler stärker den wohltätigen Aspekt ihrer Arbeit betonen: Open-Source-Software kann sich jeder leisten. Sie läuft auch auf älterer Hardware und lässt sich preiswert an lokale Gegebenheiten anpassen. Damit ist sie für die wachsende Zahl der Armen in Deutschland ebenso prädestiniert wie für Projekte in Entwicklungsländern.

Warum man das betonen sollte? Weil es neben der Musik noch einen Bereich gibt, in dem Crowdfunding funktioniert, und zwar noch viel besser: Die Wohltätigkeit. So hat die britische Organisation JustGiving zusammen mit ihrer US-amerikanischen Filiale FirstGiving umgerechnet über 340 Millionen Euro an Spendengeldern gesammelt.