HiFi-Messe: Analog statt digital?
High End 2008: Technik und Wahnsinn

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Musikanlagen für Freaks, für Wahrheitssucher, für Angeber, für Technikverliebte, für iPod-Nutzer oder einfach nur für Musikliebhaber. Unser PC-Professionell Reporter hat sie alle gesehen. Eine Reportage von der High End 2008 in München.

Analoger Wahnsinn für digitalen Lifestyle

HiFi-Messe: Analog statt digital?

Eines vorweg: Die Antwort auf die Mutter aller Fragen, die Hi-Fi-Liebhaber immer wieder zu hören bekommen, lautet “Ja!” Ja, natürlich kann man Klangunterschiede hören zwischen CD-Playern. Ja, natürlich klingen Kabel verschieden und der Klang ändert sich auch, wenn man in eine gute Steckdosenleiste investiert.

Womit wir schon mitten auf der High End 2008 wären, nämlich am Stand von Fisch Audiotechnik. Hi-Fi beginnt mit sauberem Strom. Hier gibt es die Steckdosen und Netzkabel, die den Strom von Störstrahlung reinigen, wie auch immer das gehen mag. Etwa 670 Euro kostet das Kabel, eine Steckdose mit acht Steckplätzen beläuft sich auf 440 Euro. Damit sind wir auch gleich mitten im Thema der High End 2008, der Suche nach dem perfekten Klang oder nach der musikalischen Wahrheit, wie man in der Szene sagt.

Macht sprachlos: der Transrotor Artus für 118 000 Euro.

Mittendrin im Wahnsinn würden die Spötter sagen. Zugegeben, beim ersten schnellen Rundgang über die Messe sieht es mehr nach Wahnsinn aus als nach Wahrheit. Da fallen einem nämlich als erstes die Kuriositäten ins Auge. Wahnsinnig teure Lautsprecherstrippen, Plattenspieler-Ungetüme wie vom Juwelier gefertigt und genauso teuer. 118 000 Euro kostet der Transrotor Artus, wahrscheinlich eines der meistfotografierten Objekte der Messe.

Seit Jahren ein Hinkucker auf jeder Hi-Fi-Messe: die Nautilus von B&W.

Seit Jahren der Oldie unter den Hinkuckern ist die B&W Nautilus, ein Wahnsinns-Lautsprecher, dessen Form an ein aufgestelltes Schneckenhaus erinnert und der 32 500 Euro kostet. Pro Stück. Nahe am Wahn auch die resonanzdämpfenden Platten, die innen mit Sand oder Bleikügelchen gefüllt sind. Die bis zu 800 Euro teuren Platten dämpfen Schwingungen, wenn Verstärker oder CD-Player darauf stehen. Dadurch klingt die Musik besser. Das Verblüffende daran: Man hört einen Klangunterschied, der Schreiber dieser Zeilen kann es bezeugen.

Eine iPod-Dockingstation von Marantz

Doch auch für den Digital Lifestyle hat die Hi-Fi-Szene inzwischen einiges zu bieten. So etwa das Blu-ray-Disc-Laufwerk von Denon DVD-2500BT. Auch Marantz etwa hat eine Docking-Station für den iPod, ebenso wie Pure, dessen DAB-Radio einen Steckplatz für Apples Musik-Player aufweist. Von Reson kommt ein anspruchsvolles Konzept für Hi-Fi am PC. Der kompakte T20U Kingrex Vollverstärker (270 Euro) wird an einen USB-Anschluss des PCs angeschlossen und versorgt die Boxen auf dem Schreibtisch mit einem hochwertigen Musiksignal. Resons schicke schwarze Kleinstlautsprecher namens JohnBlue sehen teuer aus und sind es auch: 350 Euro das Paar. Aber wer auch während der Arbeit am PC gerne Musik hört, könnte da schon schwach werden. Die JohnBlues machen jedenfalls mehr Musik als die optisch aufgemotzten Brüllwürfel der Logitechs dieser Welt.

Auch Bowers & Wilkins bietet eine iPod-Dockingstation namens Zeppelin.


HiFi meets MP3

HiFi-Messe: Analog statt digital?

Eine beeindruckende Hör-Session mit dem iPod-Classic lieferte der Highend-Hersteller Wadia, in der Szene bekannt durch hochklassige CD-Player wie den Wadia 581i. Die Firma hat mit iTransport eine highendige Dockingstation für den Apple-Musikplayer gebaut. Das Gerät verwandelt den iPod in ein Digital-Laufwerk und gibt die Signale aus dem kleinen Apple an einen Verstärker weiter. Damit gibt der winzige MP3-Player aus der Computerwelt sein Debüt in der Highend-Welt.

Highend-Dockingstation für den iPod von Wadia.

Freilich kamen auf der Messe keine MP3s, sondern unkomprimierte Musikstücke zu Gehör. Mit der 160-GByte-Festplatte hat der Player schließlich genug Platz für Musik in CD-Qualität. Klanglich ließ die Liaison zwischen klassischem Hi-Fi und Computertechnik keine Wünsche offen. Doch die Begegnung von MP3-Player und High Fidelity brachte noch einen weiteren, einen ultimativen Höhepunkt. Dazu später mehr.

Das Herz der High End sind die Hör-Sessions. Der Autor hat unter anderem Vorführungen von Isophon, Avantgarde Acoustic, Nubert und Canton aufgesucht.

Ehrliche deutsche Boxen aus dem Internet-Versand: Nubert.

Optisch spektakulär die 100 000 Euro teuren feuerwehrroten Hornlautsprecher von Avantgarde Acoustic. Klanglich darf man sich von solchen Hörsitzungen aber keine großen Erkenntnisse erwarten. Denn die meisten Studios auf der Messe sind akustisch eine Katastrophe und wer die vorgestellte Musik zum ersten Mal hört, hat eh keine Chance, die Anlage zu beurteilen. Den größten Andrang bei den Hörproben hatte MBL.

Das Hi-Fi-Paradies ist da: Hörsession mit MBLs Radiallautsprechern.

Vier schwarze Amps (Verstärker), so groß wie Kindersärge und circa zwei Meter hohe Radialstrahler, die die Musik in alle Richtungen abstrahlen. Schön sind sie nicht, die Radialstrahler von MBL, aber Hi-Fi-Kenner benutzen Vokabeln wie “Endstation Sehnsucht” oder “Paradies”, wenn die Rede auf die MBL-Installation kommt. Da muss sie wohl gut sein. Nach dem Preis traute ich mich nicht zu fragen.


Zur Hölle mit der Vernunft

HiFi-Messe: Analog statt digital?

All diese Traumanlagen haben einen gravierenden Fehler. Sie offenbaren gnadenlos die Schwächen der Aufnahmetechnik. CDs, die man jahrelang mit größtem Genuss mit den PC-Lautsprechern oder der Budget-Anlage im Wohnzimmer gehört hat, klingen plötzlich gepresst, ohne Auflösung und Räumlichkeit. Kurz, sie machen keinen Spaß mehr. Hi-Fi kann unglücklich machen.

Hi-Fi-Hobbyisten lieben Röhren wegen des warmen und natürlichen Klangs.

Da ist vielleicht der Kauf einer netten Anlage für unter 1000 Euro die vernünftigste Entscheidung. Klingt fein, ist erschwinglich. Auch diese Option der Vernunft gibt es auf der High End 2008. Beispielsweise die Kombination aus Verstärker, CD-Player und Tuner
von Marantz für 770 Euro. Dazu vielleicht Boxen von Nubert. Die soliden Lautsprecher des schwäbischen Herstellers, der heute den Großteil seines Sortiments übers Internet verkauft, verströmen zwar keine Highend-Aura, doch dafür musizieren sie respektabel für wenig Geld. Knapp 1000 Euro pro Paar verlangt Nubert für seine teuerste Standbox, die nuWave 125. Als schlecht bezahlter Autor kann ich mir höchstens die Marantz-Anlage leisten und dann muss ich auf Kompakt-Boxen von Nubert oder Canton sparen. Tröstlich zu wissen, dass die meisten Besucher auf der High End 2008 ebenso vernünftige Zeitgenossen sind. Nicht anders als PC-Freaks, die auf der CeBIT den 4000 Euro teuren, wassergekühlten Gaming-Boliden bewundern und dann doch die Budget-Grafikkarte für 80 Euro beim Online-Händler bestellen.

Aber zur Hölle mit der Vernunft. Hi-Fi ist zum Träumen da. Deshalb noch schnell die Geschichte vom iPod und dem High-End-Guru aus Niederbayern. Der heißt Gerhard Brandl und ist Chef der Firma Copulare. Brandl hat einen speziellen Werkstoff entwickelt, die Kunstkoralle. Dieses bei 1300 Grad gehärtete Wabengeflecht ist sehr leicht und extrem stabil. Brandl hat daraus eine dreibeinige Dockingstation für Apples Musikplayer gebaut. Die iCoral soll jegliche Erschütterungen und Eigenschwingungen vom iPod fernhalten, damit er völlig ungestört Musik machen kann. Über Reinsilber-Leitungen gibt die iCoral die Signale an den Verstärker weiter. Preis: 2500 Euro. Wer dann noch passende Mono-Endstufen und eine zweite Kunstkorallen-Tragefläche ordert (ein Art dreibeiniges Hi-Fi-Regal, die Tragrohre sind mit Quarzsand gefüllt), kommt auf 8400 Euro. Fertig ist der erste Musik-Altar des MP3-Zeitalters – und eines der schönsten Beispiele, wie nahe (musikalische) Wahrheit und Wahnsinn zusammenliegen.