Microsoft-Bosse sahen die Vista-Probleme kommen

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Eine Sammelklage bringt ans Tageslicht, was sie wirklich dachten. Die schönste Enthüllung: Microsoft machte bewusst falsche Angaben zur Vista-Tauglichkeit, um Intel beim Abverkauf von Mainboards behilflich zu sein.

Die Klage wegen des täuschenden Etiketts Vista Capable, inzwischen als Sammelklage zugelassen, machte bereits Ausschnitte aus verräterischen E-Mails bekannt. Gestern wurden die internen E-Mails in vollem Umfang veröffentlicht. Sie zeigen, wie selbst Spitzenmanager Microsofts mit ihrem neuen Spitzenprodukt kämpften – während sie nach außen die Vista-Fahne hochzogen und wehen ließen.

So brannte Microsoft-Manager Mike Nash ein Loch in seine eigene Geldbörse, weil er selber auf das Vista-Logo vertraute: „Ich habe mein Notebook (ein Sony TX770P) ausgewählt, weil es das Vista-Logo trug. Und ich war ziemlich enttäuscht, dass nicht nur Glass damit nicht lief, sondern vor allem auch Movie Maker nicht zum Laufen zu bringen war. Ich habe jetzt eine E-Mail-Maschine für 2100 $.“

So muss es kommen, wenn man den offiziellen Verlautbarungen der eigenen Firma vertraut. Sage noch mal einer, die DAUs hätten eben das Kleingedruckte lesen müssen. Oder beschäftigt Microsoft etwa nur DAUs?

Dass die höheren Hardwareanforderungen systematisch geleugnet wurden, war nicht zuletzt auf den Druck Intels zurückzuführen. Das Wintel-Konglomerat lebt wieder auf in einer E-Mail des Microsoft-Managers John Kalkman: „Am Ende senkten wir die Anforderungen ab, um Intel zu helfen, ihre Quartalsgewinne zu erreichen durch den weiteren Verkauf von Mainboards mit integrierter 915-Grafik.“

Vistas frustrierende Treibersituation verriet Jon Shirley, Mitglied von Microsofts Aufsichtsrat, im Februar 2007 in einer E-Mail an den obersten Borginator Ballmer. Er berichtete dem CEO, dass er einen seiner PCs auf Vista aktualisiert hatte, nur um Probleme mit zwei von Microsofts eigenen MSN-Anwendungen zu erleben. Wegen der fehlenden Hardwaretreiber habe er daraufhin auf das Upgrade seiner anderen Computer verzichtet.

Das alles hielt Microsoft nicht davon ab, Vista mit falschen Versprechungen unters Volk zu bringen. Microsoft-Mitarbeiter Robin Leonard berichtet in einer E-Mail, die Verantwortlichen der führenden Einzelhandelskette Wal-Mart seien „extrem enttäuscht durch die Tatsache, dass die Standards gesenkt wurden, und spüren eine zunehmende Verwirrung der Kunden“.

Jim Allchin, damals für Microsofts Platforms and Services Division zuständig: „Wir haben das wirklich vermasselt … ihr müsst einen besseren Job für die Kunden machen.“

Bescheid wusste auch Steven Sinofsky, der die Windows-Entwicklung nach der Vista-Premiere im Januar 2007 übernahm. Öffentlich sagte er nie etwas dazu, aber intern ließ er Dampf ab:

„Wir müssen uns gegenüber der Industrie eindeutiger erklären. Wir müssen uns entscheiden, was wir tun werden. Das müssen wir gut und hundertprozentig machen und nicht nur ein bisschen von allem.“

Sinofsky ist verantwortlich für die Entwicklung von Windows 7, das Vista so schnell wie möglich vergessen lassen soll. Wie weit kann er wohl bei Microsoft mit diesen Grundsätzen kommen?

(bk)

Seattle Post-Intelligencer