Wird das Internet zur Bank?
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Neue Vorschriften dank Basel II, angeschlagene Kreditinstitute, schlechte Konditionen und immer weniger Entgegenkommen – da fragen sich Selbständige und kleine Mittelständler, wozu sie überhaupt noch eine traditionelle Bank benötigen. Denn liegt die Zukunft der Finanzwelt nicht ohnehin im Internet?

Keine Kredite für kleine Firmen

Wird das Internet zur Bank?

Die Umsetzung der unter Basel II zusammengefassten Eigenkapitalrichtlinien in nationales Recht zu Beginn des Jahres hat eine Steigerung der Anforderungen für kreditsuchende Unternehmen gebracht. Während das größeren Mittelständlern und Konzernen keine allzugroßen Kopfschmerzen bereitete, offenbarte die jährliche KfW-Befragung von rund 4200 Unternehmen, dass vor allem kleine Firmen überdurchschnittlich häufig über Verschlechterungen beim Kreditzugang klagen – was besonders tragisch ist, da relativ gesehen Minifirmen einen viermal so hohen Kreditbedarf haben wie Großunternehmen.

Für die Hälfte der Kleinunternehmer habe sich das Problem, überhaupt einen Kredit zu bekommen, gegenüber dem Vorjahr alles andere als positiv verändert, meint KfW-Sprecher Alexander Mohanty. Auch aus den sich verändernden Ratings schließt die KfW, dass sich Banken eher auf das umsatzstärkere und vermeintlich rentablere Geschäft mit größeren Kunden konzentrieren. Die durch Amerika ausgelöste Kreditkrise hat die Zurückhaltung der Geldhäuser sogar noch verstärkt – sie horten lieber Kapital als es vertrauensvoll zu verleihen.

((Bild: Pixelio))


Neue Chancen Online

Wird das Internet zur Bank?

Da fragen sich Privatpersonen, Selbständige und kleine Mittelständler so langsam, ob es nicht Alternativen zur klassischen Bank gibt, da diese ihrer angestammten Rolle kaum noch gerecht wird. Wer nicht gleich ins Ausland eilen will oder kann – die Schweizer finanzieren gerne und in großem Umfang deutsche Firmen, Selbständige und Bauvorhaben – wirft naturgemäß erstmal einen Blick ins Internet. Dort wurde zwar in der Vergangenheit bis auf Depots und Direktkonten nicht viel geboten, doch gerade das Verhalten der Banken führt nun zu wachsender Aktivität: das Angebot an Krediten, Konten und anderen Finanzprodukten nimmt spürbar zu. Denn Finanzdienstleister und Versicherungen stoßen in die Bankenlücke und investierten allein in diesem Jahr schon 69 Millionen Euro nur in die Online-Werbung für ihre neuen Angebote. Die Wachstumsquote lag dabei von Quartal zu Quartal zwischen 20 bis 30 Prozent, weiß der Branchenverband Bitkom zu berichten.

Das langsam wachsende Angebot trifft auf einen gewaltigen Nachfragesog. Die Kunden, ob nun privat oder geschäftlich, schätzen die ultraschnelle und deutlich unbürokratischere Abwicklung, die günstigen Konditionen (kaum Gebühren, hohe Tagesgeld- und niedrige Kredit-Zinsen), die Online-Vergleichsmöglichkeiten der Angebote und die Diskretion des Geschäfts. Gerade in Kleinstädten gibt es keine Bankangestellten mehr, die etwas im Kegelclub ausposaunen könnten.

Außerdem wird im Internet aus dem ewigen Bittsteller seiner Hausbank ein sachlich betreuter Profi-Kunde. Und: Ein Kreditwunsch muss hier niemand erst in langen Reden rechtfertigen. Man will Geld, man bekommt es, sofern die Eckdaten stimmen. Punktum.


Die Finanzbranche entdeckt Web 2.0

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Ausgerechnet die Marktanalysten der Deutschen Bank raten den eigentlich konkurrierenden Finanzdienstleistern, unbedingt breiter ins Internet einzusteigen und sich die Vorteile des Web 2.0 zunutze zu machen. So steht es Schwarz auf Weiß in der aktuellen Studie »Starten statt warten – Auswirkungen des Web 2.0 auf Finanzdienstleister« der Deutsche Bank Research (DBR).

Mit dem interaktiven Web 2.0 sei es Unternehmen möglich, Informationen gezielt zu sammeln, Trends ausfindig zu machen und junge, wohlhabende sowie technisch versierte Nutzer anzusprechen. So könnten Kunden akquiriert werden, die mit traditionellen Werbekampagnen meist nicht erreichbar wären. Laut dem US- Meinungsforscher Gartner Research werden rund 75 Prozent der Finanzdienstleister bis 2012 neue Web-Dienste einsetzen und damit ihre Geschäftsaktivitäten deutlich ausweiten.

»Finanzdienstleister müssen sich im Klaren darüber sein, was sie mit Web 2.0 alles erreichen können. Es wäre ein Kardinalfehler, sich nicht mit dem Thema auseinander zu setzen«, erklärtt DBR-Berater Stefan Heng. Zumal man die Kunden für die Weiterentwicklung der Produktpalette einspannen könne, denn mittels Blogs, Foren und Wikis bringen sie wertvollen Input – für andere Kunden wie auch für die Firma, falls diese in der Lage ist, die Anregungen zu verwerten.

Heng warnt die Anbieter auch gleich vor einem Risiko: Unzufriedene Bank- und Versicherungskunden erhalten im Web ein Forum, wo sie die breite Masse am eigenen Unmut teilnehmen lassen. Web 2.0 sei daher nicht nur als Chance, sondern auch als Herausforderung zu sehen. Schließlich müsse man die Äußerungen der »Gemeinde« im Auge behalten und auf Kritik sensibel eingehen, um keine Image-Schäden zu riskieren. Gelinge dies, können Kunden wie Mitarbeiter noch stärker emotional an das Unternehmen und dessen Produkte gebunden werden.


Geldströme im Web

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Dass sich neben den Banken immer mehr Finanzdienstleister im deutschen Internet etablieren werden – und neben den Privatkunden letztlich auch Kleinunternehmen versorgen – dafür spricht der soziodemographische Wandel, glaubt die BBE Unternehmensberatung: 100 000 neue Haushalte binnen fünf Jahren und eine weiter wachsende Zahl von Telearbeitsplätzen und Home-Offices dank günstiger Breitbandversorgung werden den Bedarf an schnellen und bequemen Online-Finanzlösungen (inklusive Buchhaltung) weiter vorantreiben. In ihrem jüngsten Kredit-Branchenreport hat die BBE 116 Entscheidungsträger in Kreditinstituten zu ihrer Markteinschätzung befragt. Vor dem Hintergrund positiver Wachstumszahlen bei Ratenkrediten rechnen Finanzexperten bis 2012 mit jährlichen Zuwächsen von 4,5 Prozent. »Dieses Geschäft wird derzeit noch von den Direkt- und Girokonten-Angeboten überlagert. Mittel- bis langfristig rechnen wir jedoch mit einem Boom bei solchen Dienstleistungen«, erläutert Frauke Plaß, Sprecherin der Deutschen Kreditbank AG.

Nach Meinung der befragten Experten wird der Anteil kreditfinanzierter Käufe bis 2012 weiter an Fahrt gewinnen, wenngleich die Branche unter dem harten Wettbewerbsdruck zu leiden hat. So drängen ausländische Kreditinstitute wie Fortis oder Santander mit attraktiven Angeboten in den deutschen Markt und verschärfen den Wettbewerb zusätzlich.

Laut den befragten Fachleuten würden etablierte deutsche Banken jedoch häufig zu langsam auf die Strategien der Wettbewerber wie der Royal Bank of Scotland oder der GE Money Bank reagieren. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass diese Banken ihr Geschäft unter anderem in Kooperation mit Handelsriesen betreiben und Kunden auf verschiedenen Ebenen ansprechen können. Die BBE-Studie unterstreicht daher, dass der Verkauf über traditionelle Kredit-Geschäftsstellen (unter anderem Bankfilialen) bis 2012 auf nur noch 55 Prozent Marktanteil abflachen werde. Rund 25 Prozent gehen dann am Point of Sale über den Tisch, der Rest über Internet-Angebote. Wobei natürlich auch ein Point of Sale schon online sein kann. So wird ja schon heute von den großen IT-Händlern Computerausrüstung im Web und per Newsletter angeboten – inklusive Leasingvertrag oder Finanzierung.


Die weltweite Lösung

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Auch das Auktionshaus eBay – bekanntlich hä
nderingend auf der Suche nach einer Belebung seiner Geschäfte – hat das Thema Finanzen für sich entdeckt. Nicht nur durch seinen Online-Bezahldienst PayPal, sondern mit dem Start eines kompletten Finanzierungsportals. Das richtet sich zunächst an arme Länder, um hier Selbständigen, die kein Darlehen von der Bank bekommen, mit Kleinstinvestitionen unter die Arme zu greifen. Im Falle eines Erfolges wäre die Plattform MicroPlace natürlich leicht und schnell auf weitere Länder zu erweitern. Der Bedarf an Kleinkrediten ist schließlich weltweit bei allen (Neu-)Selbständigen vorhanden.

Und woher kommt das Geld? Nicht aus der eBay-Firmenkassen, sondern von Anlegern aus dem Westen, die online sozusagen Entwicklungshilfe-Aktien zeichnen können. So verteilt sich das Risiko von Kreditausfällen auf viele Schultern und auch geographisch. Verwaltet werden die Zahlungsströme nicht etwa von einer Bank, sondern von einem Finanzdienstleister: der Calvert Social Investment Foundation. Wird das Mikrokreditprogramm zu einem Erfolg, dürfte das eBay-Beispiel schnell Schule machen und auch auf andere Länder übergreifen.

Ein ähnliches Konzept verfolgt die dänische Plattform MyC4, bei der auch deutsche Anleger ihr Geld zu Zinssätzen von 10 bis rund 20 Prozent an afrikanische Kleingewerbetreibende ausleihen können. Etwas anders sieht es die Entwicklungshilfe-Plattform Kiva, die idealistische Anleger sucht. 25-Dollar-Kleinstbeträge werden verteilt, Zinsen gibt es keine.

Mittlerweile finden sich übrigens in über 100 Ländern solche Kleinstfinanzierungsprojekte, nur eben meist offline. »Kapitalmärkte werden sich gerade erst dieser Form von Anleihen bewusst«, meint Tracey Pettengill Turner, General Manager MicroPlace. Und in Kombination mit einem webbasierten Service, durch den Geld und Risiko weit gestreut werden, sei es möglich, ohne großen Aufwand weltweit Armut zu bekämpfen und für Kleinsparer global Kapitalertrag zu erwirtschaften. Eine klassische Win-Win-Situation – nur nicht für die Banken.


Privater Geldverleih

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Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Webportale für private Kreditgeber: Sie bringen online gegen eine kleine Gebühr private Geldgeber und Kreditnehmer zusammen. Für beide Seiten sind es interessante Konditionen, da keine versteckten Kosten oder sonstigen Bankgebühren anfallen. Druck kriegen die Kreditnehmer von der Community, welche auch gemeinsam etwaige Ausfälle schultert. Im Ausland sind solche Online-Kreditplattformen längst etabliert, allen voran Prosper (USA) oder Zopa (UK). Sie sind so erfolgreich, dass traditionelle Finanzinstitute sich um eine Kooperation bemühen. So möchte die amerikanische Credit Unions, eine Art Genossenschaftsbank, gerne bei der britischen Zopa mitspielen. Jene expandiert gerade nach Italien, während Konkurrent Prosper sich in Asien ausbreitet und dort ein Joint Venture mit der japanischen Finanzholding SBI Group gründete.

Rund um die Welt, von Australien bis Mexiko, entstehen im Web zahlreiche Nachahmerplattformen. In Deutschland zum Beispiel Smava. Der britische Milliardär Richard Branson erwarb die Plattform Circle Lending und machte daraus Virgin Money US, das nicht nur Privatkredite vergibt, sondern auch Bau- und Business-Projekte finanziert. Die US-Plattform Lending Club wiederum setzt auf die Kraft des Social Networking und kooperiert seit Mai mit Facebook.


Thema Sicherheit

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Wie man sieht, hinkt Deutschland dem Trend hinterher. Einerseits gibt es harte Bankgesetze zur Absicherung von Kundengeldern – Smava umgeht es per Kooperation mit der BIW-Bank. Schwerer wiegt wohl das (berechtigte) Unbehagen beim Thema Sicherheit, das die Banken lange nicht ernst genommen haben. So wurden die technischen Möglichkeiten nicht ausgeschöpft oder wie im Falle der Karten-Lesegeräte mit hohen Gebühren auf die Kunden abgewälzt. Die jüngst öffentlich diskutierten Phishing-Gerichtsverfahren – Banken wollen trotz ihrer Versäumnisse nicht haften – sind das Resultat dieser Haltung.

Dabei wird das Thema immer dringlicher, denn im Zuge der Digitalisierung des Finanzsektors wickeln schon heute 32 Prozent der Deutschen zwischen 16 und 74 Jahren ihre Bankgeschäfte im Internet ab. Gerade das mangelnde Vertrauen in die Sicherheitsstandards des Online-Bankings dürfte einer der wichtigsten Gründe dafür sein, dass nicht noch mehr potenzielle Kunden davon Gebrauch machen. »Kartenlesegeräte sollten dem Kunden verstärkt kostenfrei angeboten werden«, fordert der Beratungs- und Softwareanbieter PPI in seiner kürzlich vorgestellten »Trendstudie Bankpräferenzen«. Kartenleser am Computer des Kunden würden die Sicherheit im Vergleich zu PIN- oder TAN-Verfahren deutlich erhöhen. Doch nicht einmal 7,7 Prozent der Kunden haben bislang so ein Gerät – bei Preisen von bis zu 100 Euro kein Wunder.

Hier wird laut der Trendstudie am eigenen Image gesägt – was die Verweigerung, für Phishing-Schäden aufzukommen, sicher nicht besser macht. Die Kunden sind also weitgehend sauer auf ihre Banken und warten daher nur auf alternative Anbieter, die ihnen vollen Online-Service bei garantierter Sicherheit und günstigen Konditionen offerieren.


Fazit: Schwere Zeiten für Banken

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Für die klassischen deutschen Bank-Institute ziehen dunkle Gewitterwolken am Horizont herauf. Zum einen sind die (Business-)Kunden nicht glücklich mit ihnen, zum anderen kommen sie aufgrund der unwilligen Kreditvergabe und dem Weiterverkauf der Risiken gar nicht mehr ihrer eigentlichen Rolle nach. So springen zunehmend Dienstleister, Web-Entrepreneure und ausländische Anbieter in die Bresche. Und es dürfte nur noch eine Frage von ein paar Jahren sein, bis auch Unternehmen sämtliche Finanzwerkzeuge im Internet vorfinden. Bequem und kostengünstig wird es obendrein sein. Kein Grund also, den marmorverkleideten Geldbunkern mit ihren schlechten Öffnungszeiten und Warteschlangen hinterherzutrauern.