Vergleich KDE und GNOME
Giganten-Wettstreit

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Anders als Windows erlaubt sich Linux mit KDE und GNOME den Luxus zweier gleich mächtiger
grafischer Oberflächen. Grund genug, die Nutzerkonzepte und Tools der beiden Desktop-Umgebungen
einmal unter die Lupe zu nehmen.

Vergleich

Vergleich KDE und GNOME

KDE oder GNOME ? was ist besser? Bei dieser Frage scheiden sich die Linux- Geister, und es erregen sich die Gemüter. Außenstehende haben nicht selten das Gefühl, einem Glaubenskrieg beizuwohnen: Vordergründig werden zwar Argumente ausgetauscht, aber gefühlsmäßig sind die Vorlieben meist von vornherein abgesteckt. Dabei zeigen sich die Stärken und Schwächen beider Systeme deutlich, wenn man sie nur nüchtern genug analysiert. Fakt ist: KDE hat einen guten Ruf bei Einund Umsteigern und genießt vor allem in Europa hohes Ansehen. GNOME ist in den USA verbreiteter und zudem Standard-GUI bei Red Hat, Fedora, Gentoo, Debian, Ubuntu und neuerdings Novell. Summa summarum hat GNOME in den letzten Monaten deutlich an Bedeutung gewonnen.


Zwei Philosophien

Vergleich KDE und GNOME

Die Torvalds-Kritik führt gleich mitten hinein in die unterschiedlichen Grundkonzepte beider Desktops. Die GNOME-Philosophie legt mehr Wert auf gutes Design und Usability, engt dafür aber die Konfigurationsmöglichkeiten teils drastisch ein. KDE punktet hingegen mit größeren Freiheiten für den User, bietet viele zusätzliche Features und Erweitungsmöglichkeiten und eine vollständige grafische Konfiguration des Desktops. Das KDE-Konzept impliziert damit einen Nutzer ohne Scheu vor Komplexität. GNOME hingegen will den User nicht mit Optionen überfordern. Dialogfenster zeigen in GNOME oft nur die wichtigsten Auswahlmöglichkeiten. Weniger häufig gebrauchte Funktionen werden hinter ausklappbaren Untermenüs versteckt oder stehen unter der grafischen Oberfläche gar nicht zur Verfügung. Nicht nur Torvalds, sondern viele andere KDE-Anhänger werfen GNOME vor, den Anwender zu bevormunden und ihm komplexere Möglichkeiten vorzuenthalten. Die GNOME-Gemeinde wiederum kritisiert die überbordende Funktionsvielfalt von KDE, bei dem bereits das Kontrollzentrum den Nutzer im Optionsdschungel herumirren lässt. Dazu passt, dass die GNOME-Entwickler Wert auf ein stimmiges, zusammenhängendes Oberflächendesign legen. Dieses soll über die von SunMicrosystems betreute Human Interface Guideline garantiert werden und dem Nutzer die Bedienung erleichtern. Neben Schlankheit, gutem Design und Nutzerfreundlichkeit legt das GNOME-Projekt auch Wert auf Barrierefreiheit und regelmäßige, nur sechs Monate lange Releasezyklen. Was bis zum Releasedatum nicht fertig ist, wird in die nächste Version geschoben. Neue KDE-Versionen werden hingegen erst dann veröffentlicht, wenn die vorgegebenen Ziele erreicht sind.


Warum zwei Desktops?

Vergleich KDE und GNOME

Warum es mit KDE und GNOME überhaupt zwei unterschiedliche Desktop-Umgebungen gibt, hat vor allem historische Gründe. KDE war die erste GUI für Linux. 1996 begann Matthias Ettrich mit der Entwicklung von KDE. Er setzte damals auf die Oberflächenbibliothek Qt von Trolltech, die den Nachteil hatte, dass sie nicht unter einer freien Lizenz stand. Die Konsequenz: Als die erste Verison von KDE Mitte 1998 erschien, hagelte es Kritik an der Verwendung eines unfreien Programmpakets seitens der Linux- Community. Die Community befürchtete, dass der Qt-Hersteller Trolltech durch eine Lizenzänderung das gesamte Projekt zu Fall bringen könnte. Eine der Konsequenzen der Lizenzdiskussion war, dass das lange Jahre nur als Idee existierende GNOME-Projekt in Angriff genommen wurde, um einen vollkommen freien Desktop zu schaffen. Das Projekt wurde ursprünglich bereits 1997 von Miguel de Icaza und Federico Mena initiiert. Die Programmierer entschieden sich, für GNOME auf das in GIMP verwendete GIMP-Toolkit (GTK+) zurückzugreifen und die Programmiersprache C anstelle von C++, die bei KDE zum Einsatz kommt, zu verwenden. Durch die Verwendung von C versprach man sich bessere Portabilität und eine Anbindung von anderen Programmiersprachen. Nachdem GNOME an Popularität zulegte und allmählich benutzbar wurde, gab Trolltech im September 2000 dem wachsenden Druck und der Überzeugungsarbeit der KDEEntwickler nach und stellte die Linux-Version der Qt-Bibliotheken unter die GNU-GPL. Die Grafikbibliothek gibt es seitdem in einer kommerziellen Variante und in einer freien Version. Ein Schritt, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt. Schlimmstenfalls könnte der Hersteller die GPL-Version nicht mehr weiterentwickeln. Damit war nun endlich der Weg frei für die Aufnahme von KDE in Linux-Distributionen, die sich der Integration bislang mit Verweis auf die Lizenzproblematik verweigert hatten und stattdessen GNOME als Standard unterstützten.


Oberflächen-Struktur

Vergleich KDE und GNOME

In den Grundfunktionen besteht zwischen KDE und GNOME kein großer Unterschied. Doch an der Oberfläche und im Bedienungskonzept unterscheiden sich die beiden Desktop-Umgebungen deutlich. So verwendet KDE einWindows-ähnliches Design mit einer Systemleiste am unteren Rand und einem Menü am linken Rand mit allen wichtigen Funktionen, wie den Zugriff auf installierte Anwendungen, das Kontrollzentrum oder die Schnellstartfunktion. GNOME-Nutzer sehen sich in der Standard- Konfiguration hingegen mit zwei Systemleisten konfrontiert: eine am oberen, die andere am unteren Bildschirmrand. In der unteren Leiste finden Sie bei GNOME die geöffneten Fenster und virtuellen Arbeitsflächen, oben gibt es die drei Menüpunkte Anwendungen, Orte und System. Unter Anwendungen stehen die Programme für den täglichen Bedarf bereit. Sie sind in die Rubriken Büro, Grafik, Internet, Systemwerkzeuge, Unterhaltungsmedien und Zubehör unterteilt. Die Funktionalität entspricht in etwa dem Programmmenü unter Windows. In KDE entspricht dies dem Teil des KDE-Menüs, der die installierten Programme durch Untermenüs sortiert und per Mausklick ausführbar macht. Das Untermenü Orte in der oberen GNOME-Leiste bietet direkten Zugriff auf Festplatten, Verzeichnisse oder Netzwerkverbindungen, System enthält Programme zur Konfiguration des Desktops und des Betriebssystems.


Zentrales KDE-Kontrollzentrum

Vergleich KDE und GNOME

So unterschiedlich wie das Outfit sind auch die Konfigurationsmöglichkeiten in beiden GUIs. In KDE nehmen Sie die Einstellungen standardmäßig über das Kontrollzentrum vor. Hier können Sie Schlüsselapplikationen wie Filemanager, Browser und E-Mail- Client direkt konfigurieren. Als Sahnehäubchen erweist sich imVergleich zu GNOME die umfassende Unterstützung der Lokalisierung: Die gewünschte Sprache sowie die Formate für Zahlen, Währung und Datums-/Zeitanzeige können hier auf Mausklick definiert werden. In GNOME lässt sich der Desktop ebenfalls über ein Kontrollzentrum festlegen. Die Konfiguration ist jedoch über mehrere unabhängige Programme verteilt. Im Untermenü System/Einstellungen finden Sie die Konfigurationsprogramme für den momentan angemeldeten Benutzer, beispielsweise Maus- und Tastatureinstellungen. Systemweite Einstellungen wie Benutzer- und Gruppenverwaltung oder Netzwerk- Konfiguration nehmen Sie bei GNOME unter Systemverwaltung vor. Welche der Systemprogramme im Einzelnen im Menü zu finden sind, ist immer abhängig von der verwendeten Linux-Distribution. Eine Vielzahl von komplexeren Funktionen haben die GNOME-Entwickler vor dem einfachen Anwender versteckt ? wie bereits erwähnt ein fundamentaler Kritikpunkt an GNOME. Damit diese ausgeblendeten Optionen dennoch erreichbar sind, haben die Entwickler den Konfigurations-Editor eingeführt ? zu finden unter Anwendungen/System/ Konfiguration. Eine Baumstruktur auf der linken Seite führt zu den jeweiligen Einstellungen des gesamten Desktops. Dort sind Optionen unterschiedlichen Typs in Form von Schlüsseln gespeichert und können vom Nutzer angepasst werden.


Dateiverwaltung ? Konqueror und Nautilus

Vergleich KDE und GNOME

Das Herzstück von KDE ist Konqueror, der Funktionen von Datei-M
anager und Webbrowser kombiniert. Mit dem Allround- Programm können Sie fast alle alltäglichen Formate anzeigen, selbst als FTP-Client lässt er sich nutzen. Konqueror kennt die meisten Dateitypen und startet bei einem Klick auf das Dokument gleich die entsprechende Applikation. Die Aufgaben für die Dateiverwaltung wie Dateien und Verzeichnisse kopieren, umbenennen oder löschen erreichen Sie am einfachsten über das Kontextmenü der rechten Maustaste. Bei GNOME kümmert sich Nautilus um die Dateiverwaltung, der ebenfalls als Browser fungiert. Er ist seit GNOME 1.4 fester Bestandteil des Projekts. Nautilus öffnet sich bei einem Klick auf einen Eintrag im Menü Ort. Der Menüpunkt Computer etwa zeigt einen Überblick über Festplatten, Wechselmedien und Netzwerklaufwerke an. Navigieren lässt sich per Voreinstellung nicht über eine Navigationsleiste, sondern im Datei- Menü über den Menüpunkt Ort. Kritisch sehen viele, dass Nautilus bei einem Doppelklick auf ein Verzeichnis dieses in einem neuen Programmfenster öffnet. Wenn Sie neue Verzeichnisse im gleichen Fenster öffnen wollen, sollten Sie Nautilus im Datei-Browser-Modus verwenden. Dazu müssen Sie das Objekt per rechtem Mausklick anwählen und im Kontextmenü Mit Datei- Browser öffnen wählen.


Anwendungen im Vergleich

Vergleich KDE und GNOME

Beide Desktops haben eine Reihe von Tools und Applikationen mit an Bord. Mit KOffice enthält KDE eine komplette Office- Suite, bestehend aus der Textverarbeitung KWord, der Tabellenkalkulation KSpread und der Präsentationsgrafik KPresenter. Bei GNOME nennt sich das Office-Paket GNOME Office und setzt sich aus der Textverarbeitung Abiword und dem Spreadsheet Gnumeric zusammen. Eine Lücke klafft in GNOME bei Powerpoint-Alternativen. Agnubis wurde seit 2002 nicht weiterentwickelt. Hier bietet allein das Open-Office- Modul Impress eine Alternative. Dafür enthält GNOME Office zusätzliche Tools wie die Finanzsoftware gnucash, die mit dem vonWindows-Plattformen bekannten Quicken verglichen werden kann. Weitere Anwendungen wie Diagramm- und Vektorgrafik, zwei Projektmanagement-Programme oder die Fax-Software GFax zeigen, dass GNOME Office weniger auf eine integrierte Bürosuite im Stil von OpenOffice abzielt, sondern sich eher als gemeinsames Dach für GNOME-Desktop-Anwendungen aller Art versteht. Auch das führende Grafikprogramm The GIMP ist ein GNOME-Projekt. Bei den Texteditoren stehen sich KWrite bei KDE und Gedit bei GNOME gegenüber. Beide sind auf die einfache und schnelle Bearbeitung von Texten, Konfigurationsdateien und Skripten ausgerichtet. KDE bringt mit dem Editor Kate zusätzlich ein Tool, das um Plug-ins erweitert werden kann.

Bild: Wie Outlook für Windows: In GNOME steht Evolution für Groupware-Funktionalität zur Verfügung


Groupware und PIMs

Vergleich KDE und GNOME

Groupware- und PIM-Funktionen werden bei KDE mit Kontact, bei GNOME mit Evolution abgedeckt. Sowohl KDE als auch Evolution umfassen eine Sammlung von Tools zur Verwaltung persönlicher Daten wie EMails, Kontakte, Aufgaben und Termine. Kontact bündelt dabei eine Reihe von KDEApplikationen unter einer einheitlichen Oberfläche: KMail, KAdressbook, KOrganizer, KNotes, KAggregator und Knode. Das GNOME-Gegenstück Evolution erscheint aus einem Guss und ähnelt in Bedienung und Funktionsumfang Microsoft Outlook. Es verwendet ebenfalls die typische dreiteilige Fensteransicht. Viele Features bietet die Mail-Komponente ? etwa das Editieren der Mails im HTML-Format, automatische Adressvervollständigung, Zugriff auf das lokale Adressbuch oder auf ein entferntes LDAP-Verzeichnis. Die gängigen Mail-Protokolle, Importmechanismen oder Mailinglisten werden von beiden Applikationen unterstützt. Auch virtuelle Suchordner und Filter zur Verwaltung und Sortierung von E-Mails gehören zum Funktionsumfang. Kontact enthält jedoch eine Reihe zusätzlicher Anwendungen wie eine Terminübersicht oder einen Newsreader. Dafür punktet Evolution mit einer besseren Integration in die Desktop-Umgebung.


Pro und Contra

Vergleich KDE und GNOME

Summa summarum bietet KDE deutlich
mehr Tools und Programme, bei GNOME
müssen Sie sich einzelne Applikationen zusammensuchen.
Dafür wirkt der KDE-Desktop
auf viele Nutzer überfrachtet.
KDE orientiert sich stark am Look & Feel
von Windows. Unternehmen mit einer gemischten
Windows-Linux-Umgebung oder
Windows-Umsteiger ziehen deshalb KDE vor.
Für GNOME spricht: Seine Programme integrieren
sich im Allgemeinen besser in ihre
Umgebung als KDE-Programme. GNOMENutzer
haben deshalb eher den Eindruck, ein
rundes, voll integriertes System aus einem
Guss zu bedienen. KDE punktet hingegen
mit größeren Freiheiten für den User und
bietet viele zusätzliche Features.
Für Firmen ein möglicherweise zentraler
Punkt: Unternehmen, dieWert legen auf Planungssicherheit,
sind mit GNOME besser bedient
als mit KDE. Der regelmäßige und festgelegte
Veröffentlichungszyklus bringt
GNOME-Anwendern alle sechs Monate
pünktlichst ein neues Release. Nur die Neuerungen,
die bis zu diesem Zeitpunkt fertig
werden, werden aufgenommen.
Die KDE-Entwicklung basiert hingegen
auf fixen Zielen, ein neues Release wird erst
dann freigegeben, wenn die definierten Ziele
erreicht sind. Letztlich dürfte Planungssicherheit
auch der Grund sein, weshalb sich
Red Hat, Ubuntu und jüngst auch Novell
für GNOME als Standard-Desktop in ihren
Distributionen entschieden haben.