Inquisition à la Bayern? (Kommentar)

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Der scheidende Stoiber möchte uns Bloggern und Kommentatoren zum Abschied noch ein böses Osterei unterschieben. Schuld daran sei MTV. Ägypten?

Also, für die Verständlichkeit ganz von vorne: Bekanntermaßen gehen der Katholischen Kirche so langsam die aktiven Parteigänger aus. Um dem Trend entgegen zu steuern, tauchen aberwitzige Maßnahmen auf: Papst Benedikt (alias Alois) verordnet, die Messen wieder auf Latein zu zelebrieren. Ernsthaft. Wohl, um die riesige Zielgruppe mit großem Latinum anzulocken. Und die Bayern wollen den Journalisten – online wie offline – nebst allen Bloggern und Kabarettisten gleich mal in Sachen Katholizismus die Pressefreiheit entziehen. Sprich, wir alle dürfen uns weder kritisch noch spöttisch über die Katholische Kirche äußern. Sonst geht es ab vor den Richter. Und wo man gleich so schön in Fahrt ist, wollen die bayerischen Politiker pronto die 14. MTV Awards verbieten. Die sollen nämlich ausgerechnet am 1. November, Allerheiligen, in München verliehen werden. Nun, Fernsehprogramm wird doch eigentlich immer an Feiertagen gemacht. Warum also die Aufregung, zumal solche US-Produktionen doch ohnehin nicht sooo anstößig sind? Der Groll liegt tiefer: MTV strahlte voriges Jahr mit Popetown eine mäßig-spöttische Satireserie aus. In der BBC-Zeichentrick-Produktion muss sich ein Pater mit einem 77jährigen durchgeknallten Kirchenfürsten und drei geldgeilen Kardinälen des Vatikans auseinandersetzen. Das hat fast schon Doku-Qualitäten.
Die Popetown-Proteste bayerischer Politiker gipfelten in einer vom CSU-Fraktionschef Joachim Hermann initiierten Strafanzeige bei der Berliner Staatsanwaltschaft gegen den Musiksender. Natürlich, ohne das Corpus Delicti vorher angeschaut zu haben. Und natürlich auch ohne Erfolg.

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Noch-Ministerpräsident Edmund Stoiber findet daher, dass der bisher gültige “Gotteslästerungsparagraph” verschärft gehört und arbeitete kurzerhand mit seiner Justizministerin Beate Merk eine entsprechende Veränderung des Paragraphen 166 Strafgesetzbuch aus. Als Gesetzesvorschlag soll er nun dem Landeskabinett in Bayern vorliegen (behauptet der Spiegel). Stimmt das Kabinett zu, werde eine entsprechende Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht, die eines Tages in Berlin zur Verschärfung des §166 führen könnte. Setzen die Bayern ihren Willen durch, dann sind nicht nur Beschimpfung und Beleidigung von Kirche und Religion strafbar, sondern auch schon Herabwürdigung oder Verspottung. Dann darf man nicht mehr über Kardinal Wetter wettern, nicht mehr pöse Puben zu Poden pöbeln oder gar pädophile Pater verpetzen. Wie sagte schon Einstein? Es gibt nur zwei Dinge, die unendlich sind: das Universum und die menschliche Dummheit. Wobei ich mir beim Universum nicht ganz sicher bin… [rm]

München24

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