China setzt auf Big-Brother-IT

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Den absoluten Überwachungsstaat dachte sich der Brite George Orwell aus. China kopiert seine Phantasien mit den heute verfügbaren Mitteln der Informationstechnologie.

Als Experimentierfeld dient die Stadt Shenzhen in Südchina. Shenzhen ist eine Megastadt nahe Hongkong, die als Zentrum für die Computerherstellung gilt. Mindestens 20000 polizeiliche Überwachungskameras werden entlang der Straßen installiert. Die Software einer US-finanzierten Firma lässt sie die Gesichter von Verdächtigen erkennen und ungewöhnliche Aktivitäten aufspüren. Dazu kommen 180000 Überwachungskameras, die bereits von Firmen und Behörden innerhalb und außerhalb von Gebäuden installiert wurden. Die Polizei kann deren Anschluss an ihr eigenes Kamerasystem verlangen.

Die Bewohner der 12-Millionen-Stadt erhalten außerdem Chipkarten, die von der gleichen US-Firma entwickelt wurden. Auf den Chips gespeichert sind Name und Adresse, bisherige Arbeitsverhältnisse, Ausbildung, Religion, Rassenzugehörigkeit, Vorstrafen, Versicherungsstatus sowie die Telefonnummer des Vermieters. Auch bislang gezeugte Kinder sind mit aufgeführt, was bei der Durchsetzung der umstrittenen „Ein-Kind-Politik“ Chinas helfen soll. Die Datensammler überlegen noch, ob zusätzlich auch Bonitätsdaten, mit der Karte bezahlte U-Bahn-Fahrten sowie Einkäufe gespeichert werden sollen.

Es ist weltweit die bislang umfangreichste Zusammenführung aktueller Computertechnologie und polizeilicher Methoden, um die Aktivitäten der Bürger zu beobachten. Offiziell geht es um die Bekämpfung der Kriminalität und die bessere Erfassung der zunehmend mobilen Bevölkerung. Tatsächlich geht es ebenso um die Überwachung und Einschüchterung möglicher Dissidenten.

Rund zehn Millionen Bauern zieht es jährlich in die Städte. Die chinesische Regierung hat alle großen Städte angewiesen, die Technologie in der polizeilichen Arbeit einzusetzen und Chipkarten an die 150 Millionen Menschen auszugeben, die in die Städte gezogen sind und noch nicht als fest wohnhaft gelten. Nach erfolgreich verlaufenen Tests in Shenzhen und Shanghai sollen die Ausweiskarten in insgesamt 680 Städten eingeführt werden.

Seit kaiserlichen Zeiten setzt die chinesische Obrigkeit auf soziale Kontrolle durch detaillierte Aufzeichnungen über jeden Bewohner, die durch lokale Behörden geführt wurden. Das funktionierte reibungslos, so lange fast alle ihr gesamtes Leben in ihrem Heimatort verbrachten. Die Regierung reagiert jetzt auf die zunehmende Mobilität und setzt auf ungehemmte Datensammlung und Überwachung per IT.

Auch die Bewegungen der Polizisten bleiben nicht unbeobachtet. Alle Polizeibeamten in Shenzhen tragen einen GPS-Empfänger am Gürtel, und ihre Vorgesetzten können jederzeit ihre Position auf einer hochauflösenden Stadtkarte erkennen. Innerhalb von Gebäuden werden sie durch ihre Mobiltelefone geortet.

Die schöne neue Überwachungstechnik liefern amerikanische Firmen, wie sich Robin Huang, technischer Leiter der chinesischen Sicherheitsbehörde, freut: „Wir haben eine sehr gute Beziehung zu US-Firmen wie IBM, Cisco, HP und Dell.“

(bk)

Inquirer UK

New York Times