IuK-Wirtschaft im EU-Vergleich
E-Commerce Top, E-Government Flop

Allgemein

Deutsche Unternehmen sind im europäischen Vergleich gut aufgestellt, vor allem im Bereich E-Commerce. Nachholbedarf gibt es allerdings bei der Breitband-Durchdringung und beim E-Government.

E-Commerce stark, doch mit schwachem Wachstum

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Zur großen Stärke der hiesigen Informationswirtschaft hat sich der E-Commerce entwickelt, sowohl B2B als auch B2C. Hier liegt Deutschland deutlich über dem europäischen Durchschnitt, und die erwarteten Steigerungsraten können diesen Vorsprung weiter ausbauen. Verbesserungsfähig ist allerdings der Anteil des elektronischen Handels am Gesamtumsatz – hier liegen deutsche Unternehmen genau im Durchschnitt, besonders der Mittelstand besitzt noch Verbesserungspotenzial.

Der Bericht, den TNS Infratest für das Bundeswirtschaftsministerium erarbeitet hat, vergleicht erstmals die Performance der Informations- und Kommunikationswirtschaft (IKT) im europäischen Maßstab. Hierfür stellten die Marktforscher insgesamt 30 so genannte Kernindikationen auf, zum Beispiel »E-Commerce«, »Breitband-Durchdringung in Unternehmen und Privathaushalten« oder »Nutzung von E-Government-Diensten«. Bei 20 von 30 Kernindikatoren liegt Deutschland über dem westeuropäischen Durchschnitt. Richtschnur ist der Indikatorwert 100 als durchschnittliche Performance, die sich wie ein roter Ring durch die Grafik zieht (siehe Grafik).

Es zeigen sich auch Schwachpunkte: So liegt der deutsche IKT-Markt zwar in Europa an der Spitze, wächst aber insgesamt sehr langsam – mit 52 Punkten liegt man weit hinter dem europäischen Durchschnittwert. Gering ist auch der Anteil der IKT-Beschäftigten an der Zahl der Gesamtbeschäftigten, wobei die Autoren der Studie eine vergleichsweise hohe Arbeitsproduktivität in der IKT-Branche betonen.

Über dem europäischen Durchschnitt liegt Deutschland im Bereich E-Procurement: 48 Prozent der Unternehmen managen ihre Beschaffungsprozesse online, und ein weiteres Wachstum wird vorausgesagt.


Viele Telefone, wenig Breitband

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Mit 66,6 Hauptanschlüssen je 100 Einwohner und 166 Indexpunkten ist Deutschland gut ausgerüstet mit Telefonen. Diese auch im weltweiten Maßstab sehr hohe Anschlussdichte wird im Bereich der Festnetzanschlüsse eher zurückgehen, Potenzial sehen die Markforscher für den Mobilfunk (siehe Grafik).

Infrastrukturelle Defizite gibt es bei den Breitbandanschlüssen. Hier ist die Durchdringung beinahe durchschnittlich bei Unternehmen, die Bevölkerung muss sich mit 84 Punkten zufrieden geben, wobei die Prognosen für 2007 deutlich über die rote Marke weisen. Abgeschlagen liegen allerdings die Kabelmodem-Anschlüsse mit 19 Punkten ganz hinten.

Wer seine Geschäftsbeziehungen mit Hilfe von IKT-Strukturen abwickelt, wird zunehmend abhängig von der Sicherheit der Systeme ? darum kümmern sich deutsche Unternehmen aber bislang nur durchschnittlich ? wie am Index 102 abzulesen ist, und der prognostizierte Wert 103 liegt nicht wesentlich höher. Ein Grund, warum die Marktforscher deutschen Unternehmen ein mangelndes Sicherheitsbewusstsein bescheinigen: zum Beispiel dokumentiert nur jeder vierte Betrieb seine durchgeführten Sicherheitsmaßnahmen.

Ein weiteres Risiko für die IKT-Branche sehen die Marktforscher in der Abhängigkeit wesentlicher Bereiche der Informationswirtschaft von öffentlichen Investitionen: Allen voran der Public Sector; Gesundheit und Umwelt sowie die chemische und pharmazeutische Industrie.


E-Government: Wildwuchs unterschiedlicher Systeme

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E-Government-Dienste sind hierzulande unterdurchschnittlich verfügbar (siehe Grafik). 84 Punkte gibt es hier, und das soll 2007 auch so bleiben. Nutzen Privatanwender die vorhandenen öffentlichen Online-Angebote mit 123 Indexpunkten relativ stark, rutscht der Index bei Unternehmen mit 77 Punkten deutlich unter die rote Marke. Als Ursache und Schwäche zugleich werten die Marktforscher den Wildwuchs unterschiedlicher, zueinander inkompatibler E-Government-Systeme und fehlende Standardisierungen verwaltungsübergreifender Prozesse. Auch hat der Öffentliche Sektor noch zu wenig realisiert, dass er Kunde und Partner von Unternehmen ist.

In Zukunft sollen Großprojekte der öffentlichen Verwaltung im IT-Bereich besser gesteuert werden, so die Planungen. An einem Konzept für einen zentralen IT-Beauftragten wird derzeit im Innen- und Finanzministerium gearbeitet. Auch will man sich auf eine besser verzahnte Infrastruktur konzentrieren, damit Unternehmen besser mit den Verwaltungen digital kommunizieren können.

Nach wie vor beklagen Marktforscher einen Fachkräftemangel, besonders für kleine und mittlere Unternehmen. In diesem Zusammenhang ist auch die PC-Dichte in Schulen zu sehen: hier müssen sich 11 Schüler einen Rechner teilen. Und auch mit Internet-Zugängen sind die deutschen Bildungseinrichtungen unterdurchschnittlich ausgestattet.

Hat sich die Informationswirtschaft zum größten deutschen Industriezweig entwickelt, so befürchtet der Bericht insgesamt einen Rückgang der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Europas zugunsten Ostasiens, Japans und der USA. Vor diesem Hintergrund betonen die Marktforscher die Notwendigkeit, rechtliche Rahmenbedingungen wie das Urheberrecht oder Digital Rights Management auf die veränderten globalen Bedingungen anzupassen.