Die wahren Gründe für den Jugendwahn
Der Kniefall der Wirtschaft vor der Jugend

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Unternehmen verehren die technikaffine Generation Y, doch die Gründe dafür sind weder neu noch überzeugend, meint James Woudhuysen.

Die wahren Gründe für den Jugendwahn

Wie sieht die Arbeitswelt von morgen aus? In einer Beilage der Financial Times mit dem Titel »Understanding the Culture of Collaboration« greift die Professorin Linda Gratton von der London Business School auf althergebrachte Weisheiten zurück: Individualistisches Streben ist out, Zusammenarbeit ist in. Dafür nennt sie vier Gründe:

Zum einen gehen die Unternehmen immer mehr Partnerschaften mit anderen Firmen ein. Zweitens hat die Verlagerung zur wissensbasierten Wirtschaft Innovationen mehr in den Vordergrund gestellt, die wiederum ein Gemeinschaftswerk sind und Teamwork, Respekt und Vertrauen erfordern. Drittens, die Generation Y, höchstens 27 Jahre alt, unterscheidet sich von den Baby-Boomern der Nachkriegsjahre in ihrer Vorliebe für Gemeinschaften und Zusammenarbeit. Schließlich und letztens hat die IT für diese Vorlieben etwas geschaffen, worauf man aufbauen kann. Wie Gatton meint: »Sie mögen ja nicht bei Facebook oder Second Life dabei sein ? Ihre Kinder im Teenageralter sind es aber ganz bestimmt.«

Bin nur ich genervt von dieser Tendenz, die Älteren zu beschimpfen, weil sie einfach nicht immer mit der IT klarkommen? Seit McKinseys bahnbrechendem Artikel von 1998 »The War for Talent« haben die Management-Gurus die Jugend als immer wertvollere Ressource gepriesen. Dieser demographische Wahn ist auch heute noch ungebrochen, aber mit dem Aufstieg von Web 2.0 haben die Lobgesänge auf die Zusammenarbeit und die Herabsetzung von Konkurrenz, Revierkämpfen und all dem einen neuen Höhepunkt erreicht.

Der Mangel an Geschichtsbewusstsein ist verblüffend. Die Leute scheinen in völliger Unkenntnis zu leben, dass gerade als sich der Kalte Krieg seinem Ende zuneigte, Gary Hamel und Yves Doz einen wegweisenden Aufsatz für die Harward Business Review geschrieben hatten, der den Titel trug »Collaborate with your Competitors ? and Win«. Keiner kann sich an das Buch »Co-opetition« aus dem Jahre 1996 erinnern, geschrieben von Adam Brandenburger und Barry Nalebuff ? ein damals hochgeschätzter Text. Heute reicht es, jedem über 40 immer wieder die Worte »Kultur« und »Benehmen« einzutrichtern, um ihn glauben zu machen, er sei ein Fossil ? ein machomäßiger Hardliner auf Arbeit, dessen sozial-darwinistische Einstellung, dass nur die stärksten überleben aus dem letzten Jahrhundert stammt.

Doch das nehme ich denen nicht ab. Mit Ausnahme der nützlichen Studie von Deloitte »Managing the Talent Crisis in Global Manufacturing« ist die Bereitschaft, die Jugend zu verhätscheln, enorm. Ältere Mitarbeiter verfügen über Erfahrung, sagt man uns, aber es sind die Jungen, denen wir uns anpassen müssen ? nicht zuletzt, indem man ihnen sexy IT und schmucke Arbeitsplätze bietet.

Schlimmer noch: Es wird vergessen, das in den Firmen der Trend in Richtung Partnerschaft häufig dem Wunsch entspringt, Innovation auszulagern, anstatt sie selbst in Angriff zu nehmen. So stagnieren auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen an ihrem Anteil am Bruttoinlandsprodukt seit 2000 im gesamten OECD-Gebiet.

Dort liegen die Gründe, weshalb wir so oft davon hören, dass Jugend wunderbar ist und auch davon, dass die großen Fragen in der Arbeitswelt jetzt alle mit Einfühlungsvermögen und persönlichen Gesprächen zu tun haben.