Microsoft macht kein Web-Fernsehen oder: Wie eine Falschmeldung entsteht

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Und hier kommt eine kleine Mediennachlese zum Wochenende: Die Falschmeldung der Woche.

„Microsoft verkündet den Joost-Killer“ und „Microsoft entwickelt eigenes Web-Fernsehen ala Joost“ – so und ähnlich lauteten die Überschriften. Microsoft arbeite an einer Peer-to-Peer-Alternative zu Joost, hieß es, und arbeite dazu mit einer Firma namens Skinkers zusammen. Das Projekt namens LiveStation solle ein richtig großer TV-Streaming-Service aus Redmond werden.

Alles Quatsch mit Soße, wie Skinkers-Mitbegründer Metteo Berlucchi heute dem INQUIRER sagte. Tatsächlich steht nicht Microsoft dahinter, und es soll auch kein Joost-Killer werden.

Zu der wilden Geschichte kam es, als Berlucchi Microsofts Steve Clayton ein Video-Interview gab. Das schnappten Blogger und Journalisten auf und machten sich ganz schnell ihren eigenen Reim daraus. Ein Schreiber schrieb vom anderen ab, und wie insbesondere hierzulande üblich, oft ohne Angabe einer Quelle. Links zu den Quellen: Fehlanzeige (und wofür wurde das Web eigentlich entwickelt?) Es soll ja möglichst wie eine „eigene“ Geschichte aussehen, als hätte man gar alles selbst recherchiert. Da sind die üblichen Verdächtigen mal wieder reingefallen.

Tatsächlich hat Skinkers vor einem Jahr die Rechte an einem Microsoft-Forschungsprojekt in Cambridge erworben im Tausch gegen einen zehnprozentigen Anteil an Skinkers. Bei dem Projekt ging es um die Übertragung von Daten über ein Peer-to-Peer-Netzwerk im Push-Verfahren. Die Entwicklung von LiveStation findet inzwischen jedoch ausschließlich bei Skinkers statt, von einem gelegentlichen Telefongespräch mit den ursprünglichen Entwicklern abgesehen.

Aufgrund der erwähnten Microsoft-Verbindung, und da Skinkers das Projekt LiveStation nennt, schlossen einige Kollegen nun messerscharf, dass es sich um einen der Dienste aus Microsofts „Live“-Angeboten handeln müsse. Dazu kam noch der Umstand, dass der Dienst Microsofts Plug-In Silverlight einsetzt. Und schon setzte das gedankliche Chaos ein, so Berlucchi:

„Es gab da eine Menge Verwirrung, da Leute zwei und zwei zusammenzählten und zum Ergebnis zehn kamen. Sie nennen es einen Joost-Killer, was absolut lächerlich ist. Die Überschrift müsste tatsächlich heißen: ‘Wie man Fernsehen über das Internet zum Laufen bekommt’. Microsoft würde niemals etwas gegen Joost in Stellung bringen. Die wissen vermutlich nicht einmal, was Joost ist.“

Damit wäre das geklärt – und die zeitliche Reihenfolge, in der die Falschmeldung in den einzelnen Publikationen erschien, spricht ebenfalls für sich.

Skinkers berichtete uns von guten Fortschritten des Projekts. Der zur Zeit begrenzte Beta-Zugang soll im Herbst erweitert werden, und der offizielle Start könnte in der ersten Jahreshälfte 2008 erfolgen. Skinkers will die Plattform TV-Sendern für die Verbreitung ihrer Inhalte anbieten, ganz ähnlich wie es die Betreiber von Kabelnetzen praktizieren.

(von Martin Lynch und Bernd Kling)

Linq

LiveStation

Vorsicht, Falschmeldungen:

Microsoft bringt Software für Internet-TV (PCtipp, 5. Juli, ohne Zeitangabe)

Microsoft bringt Live-TV übers Internet (Der Standard, 5. Juli, 11 Uhr 39)

Microsoft entwickelt eigenes Web-Fernsehen ala Joost (WinFuture, 5. Juli, 13 Uhr 12)

LiveStation: Microsoft bringt Web-TV-Dienst (Chip, 6. Juli, 14 Uhr 52)