Wie scheinheilig ist Apples große DRM-Wende?

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INQUIRER-Autor Charlie Demerjian nimmt Steve Jobs die ehrliche Abkehr vom Digitalen Restriktions-Management nicht ab. Er hält sie für reichlich scheinheilig und hat sich seine Gedanken dazu gemacht:

Das Internet vibriert ob der neuesten Weissagung seiner Jobsheit, dass DRM schlecht ist und möglichst bald verschwinden möge. Nun ja, der Gedankenblitz bringt ungefähr so viel Erkenntnis wie damals, als Billy Boy zugeben musste, dass das Internet existiert. Das Problem dabei ist, dass das nicht gesagt wurde, um uns allen zu helfen. Es wurde gesagt, um den eigenen Arsch zu retten, denn eigentlich liebt Apple DRM-Infektionen.

Ich will damit nicht sagen, dass DRM-Infektionen gut sind, oder dass die Persönlichkeit im Rollkragen sie wirklich mag. Aber auf Apple trifft das sicher zu, und dieser “Artikel” war viel zu gut geschrieben, um etwas anderes als ein PR-Kunststück zu sein. Warum sollte Apple plötzlich etwas für seine Kunden tun, statt wie sonst verächtlich eine lange Nase zu machen? Ganz einfach, weil sie dazu gezwungen wurden.

DRM hat schließlich den iPod gemacht. Nicht dass damit die Songs geschützt würden – es gab noch nie ein Beispiel für irgend eine DRM-Technik, die jemals Medieninhalte geschützt hätte. Sie wurden alle gehackt. Bei DRM geht es darum, Mauern gegenüber der Konkurrenz zu errichten, um dann Gesetze wie die DMCA und andere böse Sachen zum Aushebeln des freien Wettbewerbs benutzen zu können. Apple hat eine dominierende Marktposition, und es setzt DRM ein, um alle anderen draußen zu halten.

Jedes Mal, wenn jemand sich in Kompatibilität mit der Fairplay-DRM-Infektion versucht, klagt Apple sie in Grund und Boden. Es gibt null Geräte, die nicht von Apple hergestellt wurden und die Musik von den iPods spielen können. Das Gleiche gilt für Musik-Dienste wie diesem ganz furchtbaren von Real – sie werden abgeschottet, sobald sie direkt mit dem iPod interagieren wollen. Damit wäre die Gesamtsumme gleich null.

DRM war richtig gut für Apple, aber richtig schlecht für den Endbenutzer. Damit ließ sich alle Konkurrenz zerquetschen, die zu Kompatibilität, Preiswettbewerb und Killer-Applikationen geführt hätte. Statt dessen gibt es den iPod, nimm ihn oder geh sonst wohin. Es ist kein schlechtes Gerät, aber es ist verschlossen.

Zurück zu dem lächerlichen Sinneswandel über DRM, warum gerade jetzt? Weil Apple der Arsch auf Grundeis geht, nachdem Norwegen sich den Laden vorgenommen hat, und Deutschland sowie Frankreich werden folgen. Das bedeutet, dass Apple die DRM-Infektion an andere wird lizenzieren müssen, und dann hat sie die nicht mehr exklusiv.

Wettbewerb aber jagt Apple Angst ein – vor allem deshalb, weil ihnen bei jedem Ausflug auf den freien Markt von kapitalistischen Kräften die Zähne eingeschlagen werden. Die Firma existiert nur dadurch, dass sie das Betriebssystem sowie die Kunden unter Verschluss hält. Als sie das letzte Mal das OS lizenzierten, wurden ihnen die Zähne eingetreten. Es war gar nicht die Frage, ob es da ein besseres Produkt gab, es waren einfach alle besser. Steve legte ganz schnell den Rückwärtsgang ein.

Jetzt sehen sie dem gleichen Szenario entgegen, indem sie zum offenen und fairen Kampf gezwungen werden. Zuerst war es nur Norwegen, da haben sie es mit dem Spiel “Ich nehme jetzt meinen Ball und gehe nach Hause” versucht wie jeder Zwei-Bit-Bully. Da nun auch Deutschland und Frankreich mit an Bord kommen, werden sie lizenzieren müssen oder ganz Europa verlieren. Kann man da noch sagen, das wäre keine Option?

Also, was werden sie tun? Sich aufraffen und den fairen Kampf suchen? Zum Teufel, nein. Sie versuchen jetzt DRM insgesamt abzustoßen, um so wenigstens iTunes und die iPods weiter verschlossen halten zu können. Warum fair kämpfen, wenn man das Schlachtfeld verändern und immer noch auf die schmutzige Art kämpfen kann?

Am meisten ärgert mich dabei, dass Apple das als vollen Einsatz für das gemeine Volk zu verkaufen versucht, während sie weiter alles gut abdichten wollen. Es ist die beste Show in einer neuen Welle populistischer PR, dafür müssen sie diesmal eine Menge Kohle hingelegt haben.

Noch ein Ärgernis? Die Web-Gemeinde im allgemeinen hat das aufgeleckt und damit die Denkfähigkeit eines toten Eichhörnchens bewiesen, das von einem Sattelschlepper überrollt wurde. Niemand stellte in Frage, ob Apple wirklich eine Kehrtwende um 180 Grad an der DRM-Front vollzogen hatte, dem Eckpfeiler ihres Geschäftsmodells. Neiiin … es passte so gut zu den Wunschvorstellungen, deshalb haben den den Köder geschluckt, mit Angelschnur und Blei.

Idioten.

Die Moral von der Geschichte? Seid auf der Hut vor Leuten in Rollkrägen, die sich vor Wettbewerb fürchten und mit Geschenken unterwegs sind. Sie mögen ja nett aussehen, aber es gibt da ein verstecktes Preisschild, und das werdet ihr nicht bezahlen wollen. Moral zwei, stellt alles in Frage, immer und überall – aber bei der MTV-Generation scheint das ein verlorenes Anliegen zu sein.

(von Charlie Demerjian / ins Deutsche übertragen von Bernd Kling)

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