Ärger in der Open-Source-Gemeinde
Linux, Lügen und Lizenzen

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Der Streit in der Linux-Gemeinde um den künftigen Umgang mit Software-Lizenzen und großen Software-Unternehmen eskaliert.

Zoff in der freien Entwicklergemeinde

Ärger in der Open-Source-Gemeinde

Linux ist inzwischen ein Milliardengeschäft. Doch wo es um Geld geht, kommt es unweigerlich zu Zerwürfnissen. Dieses Verhalten haben große Konzerne also nicht gepachtet – auch in der freien Entwicklergemeinde eskaliert der Streit um Linux-Lizenzen und Software-Patente. Aktuelle Aussagen und das Gebaren großer Software-Unternehmen bringen die Vertreter der Open-Source-Bewegung in Rage. Sie schlagen neue Klauseln für die GNU-Lizenzen vor und verlangen, jegliche »Geschäftemacherei« zu unterbinden. Diejenigen dagegen, die Geld verdienen wollen, fordern, ein Recht auf ihre jeweiligen Patente und Techniken in neuen Lizenzregelungen für freie Software festzulegen.

So greifen sich die OpenSource-Onliner in verschiedenen Foren und Weblogs gegenseitig an und bezichtigen sich gar der vorsätzlichen Lüge – und das, obwohl kaum einer den Inhalt der GNU-Lizenzen und der speziellen Patentvereinbarungen wirklich kennt.

Käufliche Open-Source-Entwickler?

Dass der Schlagabtausch zwischen Freigeistern und Geschäftsleuten oft bizarr wirkt, hat auch damit zu tun, dass die wichtigsten Open-Source-Entwickler inzwischen von kommerziellen Unternehmen bezahlt werden. Einer der industriebezahlten Entwickler ist Linux-Oberguru Linus Torvalds. Dieser steht in den Diensten der von mehreren Unternehmen finanzierten OSDL (Open Source Development Labs). Er sieht nichts Verwerfliches an Geschäften wie der Novell/Microsoft-Kooperation. Torvalds lehnt die neue Version 3 der GPL für »seinen« Linux-Kernel sogar ab. Version 2 würde bereits alles regeln, das Getue der »Freibeuter« brauche man nicht.


Streit um Software-Patente

Ärger in der Open-Source-Gemeinde

Ausgelöst wurden die Streitigkeiten durch zwei Geschehnisse, die die Linux-Gemeinde glauben ließen, ihre Software werde immer mehr von den Software-Riesen vereinnahmt.

Microsoft-Chef Steve Ballmer etwa hatte nach Abschluss einer Kooperation mit Novell der Linux-Gemeinde vorgehalten, sie würde »Microsoft etwas schulden«. Genauer gesagt: Sie würde Software nutzen, auf die Microsoft Patente habe. PC-Professionell-Chefredakteur Franz Neumeier fasste es vorigen Monat zugespitzt zusammen: »Microsoft kauft Linux.«

Joachim Jakobs, Sprecher der Free Software Foundation Europe (FSFE), erklärt: »Durch den Geschäftsabschluss mit Microsoft hat Novell der Community einen Bärendienst erwiesen. In der Öffentlichkeit ist dies so angekommen, dass der Linux-Kernel Patente von Microsoft verletzt.« Unsere Frage, welche Patente Ballmer meine, kann Microsoft derzeit nicht beantworten.

Oracle will mitverdienen

Der zweite Auslöser für den Streit war Oracles »Vereinnahmung« von Red Hat Linux. Das Schwergewicht im Software-Business hatte sich bemüht, Red Hat Linux zum eigenen »Oracle unbreakable Linux« umzuwandeln. Dabei wollte Oracle am Open-Source-Kuchen mitverdienen. Der Software-Riese warb damit, den Support für Unternehmen zum angeblich halben Preis von Red Hat zu offerieren.

Microsoft gegenCaptain Picard

Die Vertreter der »wirklich freien Software« vergleichen nun Software-Unternehmen wie Microsoft und Oracle mit der Alien-Rasse der »Borg« aus Star Trek: Die Borg verleiben sich andere Lebewesen ein, sie »assimilieren« diese. So schreiben die Teilnehmer einiger Forendiskussionen, die Großunternehmen würden Linux »assimilieren« wollen.

Red-Hat-Manager Kissinger weist dies belustigt von sich: »Die Open-Source-Entwickler lassen sich genauso wenig assimilieren wie Captain Picard.« Der Kapitän des Raumschiffs widerstand den Assimilationsversuchen der Borg; genauso würde es auch die Open-Source-Gemeinde tun.


Kampf um den Inhalt der Lizenzen

Ärger in der Open-Source-Gemeinde

Die Streithähne in der OpenSource-Gemeinde nehmen die Ereignisse nur als Grundlage für ihre Forderungen, was nun in der neuen GNU Public License stehen darf und was nicht. So einfach, wie es in vielen Diskussionsforen klingt, ist es aber nicht: Die GP-Lizenzen sind zwar »für Anwender sehr einfach, für Anbieter jedoch ein durchaus komplexes Thema mit verschiedenen Urheberrechten und einigen Patentfragen«, meint Georg C. F. Greve, Präsident der FSFE. »Die GNU General Public License v3 ist keine Reaktion auf die Ereignisse«, ergänzt Greve, »sie wird seit Jahren diskutiert und seit zwei Jahren bearbeitet.« Noch können sich alle Web-User am Entstehen der neuen Lizenz beteiligen – das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Unternehmen, die sich selbst an Open-Source-Projekten beteiligen, müssen nichts befürchten. Bei den rechtlichen Fragen können sie sich an die »Freedom Task Force« der FSFE wenden – ein weltweites Netz erfahrener Urheberrechtsexperten.

Open-Source-Software – ein Milliardengeschäft

Der Streit zeigt, dass Unternehmen, die bisher der OpenSource-Gemeinde gegenüber feindlich gesinnt waren, das entgangene Geschäft wittern. FSFE-Sprecher Joachim Jakobs: »Die großen Software-Firmen haben freie Software als Milliardengeschäft entdeckt. GNU Linux hat es in vielen Bereichen bereits zu enem beträchtlichen Marktvolumen gebracht.«

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