Computermessen auf steilem Abwärtskurs
Die Krise der großen IT-Messen

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Während die großen Technik-Messen mit Strukturwandel und kürzerer Dauer aufhorchen lassen, tauchen allerorten regionale IT-Ausstellungen und einige Nischen- und Branchenmessen auf. Ist das die Götterdämmerung für Systems, CeBIT & Co.?

CeBIT: Radikaler Umbau tut not

Computermessen auf steilem Abwärtskurs

Den sich abzeichnenden Niedergang “seiner” Messe muss sich Jörg Schomburg nicht mehr anschauen. “Mister CeBIT” verstarb vorigen Sommer im Alter von 62 Jahren.

1979 startete er bei der Deutschen Messe AG den kleinen Computer-affinen Ausstellungsbereich, nannte ihn CeBIT und machte ihn ab 1984 als Geschäftsbereichsleiter zur größten und bedeutendsten IT-Messe der Welt. Doch dieser Glanz scheint zu vergehen.

Schon voriges Jahr war es eher ruhig in Hannover. Es gab keine spektakulären neuen Technologien zu bestaunen, so dass auch keine Besucherrekorde zu vermelden waren. Zugleich mutierte die Messe für die Unternehmen zu einem gigantischen Kostenfaktor, was auf die gebuchte Fläche (minus 15 Prozent, also minus 40.000 Quadratmeter) und die Zahl der Aussteller (minus 2.100) drückt. Jüngst sagten sogar namhafte Unternehmen (BenQ, LG, Konica Minolta, Nokia, Shuttle und Motorola ) ihre Teilnahme ab.

Für die Deutsche Messe AG eine dramatische Schieflage, denn wenn Zuschauer, Fachbesucher und wichtige Aussteller gleichzeitig Hannover den Rücken kehren, hauen sich Anziehungskraft und Umsatz gegenseitig die Standbeine weg – ein Teufelskreis. Um diesen zu durchbrechen, heißt die Konsequenz: Umbau. Radikaler Umbau.


Die Pläne der Planer

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So machte sich Messe-Vorstandsmitglied Ernst Raue die Mühe, einen persönlichen Brief an die IT-Aussteller zu verfassen. Darin spricht er laut dpa von “aktuellem Handlungsbedarf”. In seinem Haus werde “intensiv” an einer grundsätzlichen Neupositionierung der CeBIT ab 2008 gearbeitet. Das Erscheinungsbild solle nachhaltig verbessert, die Effektivität für die Aussteller deutlich erhöht werden.

Das klingt noch etwas nebulös, wenn auch nach überfälliger Einsicht. Der in Hannover lange Jahre ignorierte Strukturwandel ließ die einstige Trennlinie zwischen klassischer Computerindustrie und Unterhaltungselektronik verwischen. Gleichzeitig drückt ein gnadenloser Verdrängungs- und Preiskampf auf die Margen der Branche. Das ergibt einen Kostendruck, der sündhaft teure Messeauftritte nicht mehr zulässt, sofern sie nicht genügend Aufträge einspielen.

Zudem scheinen sich viele Firmen auf der CeBIT nicht mehr richtig
aufgehoben zu fühlen. Der weltgrößte Handyhersteller Nokia sucht mittlerweile auf eigenen Hausmessen die “Nähe zum Kunden”. Andere finden ihre Endverbraucher eher auf der Funkausstellung (IFA) in Berlin, die seit jeher schaulustige Konsumenten anzieht – und nun durch den jährlichen Rhythmus deutlich an Attraktivität gewonnen hat.


Druck durch die Funkausstellung

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Doch mit dem Verbraucher tat sich die CeBIT schon immer schwer. Unvergessen bleibt das glücklose Experiment mit der CeBIT Home. Den Umsatzeinbruch vor Augen, sucht die Deutsche Messe AG ihr Heil (wieder mal) im Profil einer Profimesse. Man wolle sich von IFA und Spielemessen abgrenzen und nun stärker auf die Interessen der einzelnen Zielgruppen eingehen. Als globale Leitmesse sei die CeBIT stark von den aktuellen Marktverhältnissen und zukünftigen Entwicklungen in der Computerindustrie sowie der Telekommunikationsbranche abhängig, sucht Ernst Raue nach Erklärungen.

In einigen Bereichen wie Telematik, Navigation, Sicherheit oder Funktechnik werde die CeBIT wachsen. In anderen verliere sie Aussteller, zum Beispiel im Mobilfunk, gibt der Messe-Boss unumwunden zu. Daher wolle er stärker auf Anwendungs-Schwerpunkte konzentrieren wie Telematik, Navigation, Medizintechnik und die IT der öffentlichen Verwaltung. Schützenhilfe erhält der Veranstalter vom Branchenverband Bitkom: “Die CeBIT ist keine Unterhaltungsmesse, sondern eine Businessmesse. Die Messe AG muss diesen rein geschäftlichen Charakter deutlicher machen”, forderte Verbandsboss Bernhard Rohleder.

Vorbild für die Neuausrichtung soll die eigene Industrieschau Hannover-Messe sein – zurück zu den Wurzeln also. Doch auch die Mutter aller Ausstellungen steckt in Schwierigkeiten, sei aber nach einer Orientierungsphase wieder auf Erfolgskurs. Das Rezept: Eine klare Struktur und eine Konzentration auf Schwerpunktthemen. An dieser Mixtur soll nun auch die CeBIT genesen: Übersichtliche Struktur, mehr Anwendungs-Schwerpunkte und kürzerer Ablauf sollen den Reiz erhöhen und die Kosten senken.


Kritik am CeBIT-Veranstaler

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Bernhard Rohleder will, dass die Deutsche Messe AG besser auf veränderte Entscheidungsstrukturen bei ausländischen Unternehmen reagiert: “Ob eine Firma auf die CeBIT kommt, wird heute – anders als vor zehn Jahren – immer häufiger in den Konzernzentralen in Korea, Japan oder Taiwan getroffen, nicht mehr bei den deutschen Töchtern.” Um zu sparen, sagen die Hautquartiere ihre Mega-Messeauftritte entweder ganz ab oder verringern die Ausstellungsfläche. “Da reicht es nicht, Anzeigen in ausländischen Zeitungen zu schalten. Notwendig ist eine ständige Präsenz der Deutschen Messe vor Ort bei ihren Kunden in Übersee”, fordert der IT-Verband.

Weiteres Problem: Viele Aussteller haben kein Verständnis mehr für das Wochenende, denn Samstag und vor allem der Sonntag mit den herangekarrten Busgruppen voller Privatbesucher seien vergeudete Zeit und verschenktes Geld. “Das Fahrwasser ist heute schwieriger als in den Jahren, als die Unternehmen noch riesige Marketing-Budgets hatten”, erklärt Rohleder.

Und es wird immer schwieriger, denn die IFA-Macher denken darüber nach, ab 2008 ihre Funkausstellung schon im Mai stattfinden zu lassen. Das würde den Druck auf die Cebit erhöhen, liegen zwischen den beiden Messen dann nur noch gut acht Wochen. “Die Aussteller drängen auf diesen Termin”, behauptete der Berliner Messechef Jens Heithecker gegenüber Focus.


Auch die Systems kämpft

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Die Messelandschaft hat sich also grundlegend verändert. Der Bedarf an Nettoflächen ist zurückgegangen – bei fast allen Veranstaltungen. Von denen es heute mehr denn je gibt, da Spezialbranchen und Regionen zu eigenen Messen tendieren. Viele große Aussteller haben sich obendrein auf Hausmessen oder Roadshows verlegt. Die sind günstiger, häufiger und mit weniger Streuverlust durchzuführen. “Wir haben leider in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, die Entscheider nicht mehr auf der CeBIT zu erreichen”, begründet Shuttle-Marketing-Leiterin Melanie Liu ihre Entscheidung für eigene Händler-Events. Ähnlich hatte es auch schon Nokia gesehen. Andere Firmen wie BenQ orientieren sich Richtung Funkausstellung.

Im Sog dieser Entwicklung kä
mpft auch die Münchner IT-Messe Systems bereits seit Jahren gegen die Schwindsucht an. In 2006 kamen nur noch um die 53.000 Fachbesucher, also 10 Prozent weniger als zuvor – bei einer gleichbleibenden Ausstellerzahl von 1260. Zum Vergleich: Im Boom-Jahr 2000 waren es 120.000 Besucher und 3200 Unternehmen mit ihren Ständen. Für 2007 wird die Systems auf vier Tage und fünf Ausstellungshallen gekürzt. Ob die Messe München GmbH damit mehr mittelständische Unternehmen anlocken kann?

“Die Systems wird kompakter und transparenter für die Besucher”, wirbt Geschäftsführer Klaus Dittrich für die Veränderungen. Zumal dadurch die Kosten für die Aussteller sinken. Allerdings kürzt die Messegesellschaften ihre Gebühren nicht. Dafür verspricht sie den Unternehmen wieder rund 60.000 Besucher, ohne aber zu verraten, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Immerhin will man das Kongressprogramm enger mit der Ausstellung verzahnen und in beinahe jeder Halle ein zentrales Systems-Forum installieren. Die bewusste Ausrichtung auf den Mittelstand habe sich bereits bewährt, behauptet Dittrich: “Aussteller und Besucher waren 2006 größtenteils zufrieden.” Die Herausforderung für die Zukunft sei generell, Spezialisten und Nicht-Fachleute gleichermaßen anzusprechen. “Hier brauchen wir eine klarere Struktur.” Zudem solle zeitgleich zur Systems 2007 keine andere Messe in München laufen. Voriges Jahr
waren wegen der Immobilienmesse Expo Real die Hotelzimmer knapp.


Positive Lichtblicke

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In der Schlechtwetterfront gibt es zumindest für die CeBIT ein paar Lichtblicke. So gibt es in diesem Jahr (15. bis 21. März) Zusagen wie die von Yakumo, einem Anbieter von Home Entertainment-, Navigations- und Mobilsystemen (Halle 2, Stand A34), oder die Premiere für die Content Management Arena, eine spezifische Themenplattform für dieses Anwendungsfeld. Die Arena entstand in Kooperation mit der Kongress Media GmbH aus München), Veranstalter der Contentmanager.days.

Noch mehr Strahlkraft dürfte aber das Gipfeltreffen der EU-Minister für die CeBIT entwickeln. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos lädt erstmals zur informellen EU-ITK-Konferenz nach Hannover. Aus Anlass der EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands kommen rund 30 europäische Minister am 15. März auf das Messegelände, um gemeinsam die neuesten technischen Entwicklungen zu diskutieren. “Es gibt kaum einen besseren Austragungsort als die CeBIT in Hannover, um die Marschrichtung für die Zukunft vorzugeben”, freut sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff.