Nach der Amok-Hysterie kommt langsam die Ernüchterung

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Selbst von immer meinungsstarken Populisten wie Beckstein hört man nicht mehr so viel. Und Kriminologe Pfeiffer hat erkannt, dass ein Verbot nicht alle Probleme löst.

Nach einer weiteren Amok-Drohung gegen eine Schule wurden in Achern drei Männer im Alter von 19, 23 und 35 Jahren festgenommen, die die Droh-Mail von ihrem Computer abgefeuert hatten. Der Hauptverdächtige gab an, er habe seiner Freundin einen freien Tag verschaffen wollen.
In München wurde bereits gestern ein Amoklauf-Androhungs-Trittbrettfahrer festgenommen. Er hatte in einem Chatroom aus “Sympathie” für den Täter von Emsdetten angekündigt, sich an seinem früheren Chef rächen und an seinem Arbeitsplatz Ähnliches anzurichten zu wollen. Das war dann ein Fall für die Mordkommission, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Der zunächst als “Amokläufer” verdächtigte Schüler, der sich selbst mit einer Waffe aus Familienbesitz erschoss, hatte hingegen keinen Amoklauf angekündigt, wie sich inzwischen heraus stellte. Er habe zwar, so die Polizei, online an Spielen wie Counter Strike teilgenommen, doch keine Spiele dieser Art auf seinem Rechner gehabt. Inzwischen ist von einem “virtuellen Amokläufer” die Rede.

Ein Psychoanlytiker in Aachen kritisierte, die öffentlichen Rundum-Warnungen im Schwabenland könnten mögliche Täter eher stimulieren als abschrecken:

“Vorsicht ist zwar berechtigt, doch es ist zu fragen, ob man dies in dieser öffentlichen Weise tun soll. Da geht der Schuss nach hinten los.”

In einem Interview mit dem schwäbisch-badischen SWR sagte er, die gewaltige Aufmerksamkeit und Hysterie sei vielmehr “Balsam auf die verletzten Seelen derjenigen, die für Amoktaten in Frage” kämen. Damit werde sogar die Ausführung entsprechender Pläne noch wahrscheinlicher. Er weiß auch zu berichten, was populistische Politiker aus ihren statistischen Aufbereitungen offenbar nicht zu erkennen vermochten: Die Zahl der Amokläufe war in den letzten Jahrzehnten gleichbleibend.

Wie die schwäbischen Schnellschüsse aus dem Kultusministerium sich auf dem Schulgelände auswirkten, beschrieb INQUIRER-LeserIn Tyra in einem Kommentar zu unserem Bericht von gestern aus eigener Erfahrung:

“als ich heut morgen zur 3. stunde an die schule kam waren alle tore verschlossen und überall standen bullen. an der sprechanlage musste ich fragen wie ‘wie heißt du? welche klasse besuchst du? hast du internetzugang? HAST DU IRGENDWAS VOR?’ beantworten.. ich mein.. das is schon ziemlich crazy. schultasche wurden durchsucht und im klassenzimmer angekommen schlossen die lehrer von innen die türen ab. die eltern mussten ihre kinder von der schule abholen und ein paar stunden später erfährt man dann das der vermutliche täter sich im wald erschossen hat.. arme leute die so psychisch krank sind un sowas anzetteln.. doch – der ‘amokläufer’ tut mir eigentlich leid.”

Selbst Niedersachsens Ober-Kriminologe Christian Pfeiffer, der gerne vor laufenden Kameras “Killerspiele”-Verbote wie auch ein TV-Senderverbot für Filme ab 18 fordert, legte eine Denkpause ein und hielt die Erwartung, mit einem Verbot seien alle Probleme zu lösen, für zu kurz gegriffen:

“Wir produzieren in Deutschland wesentlich mehr Verlierer als andere europäische Länder. Es gibt mehr Sitzenbleiber. Und es wird zu wenig getan, um das zu ändern. Amokäufer sind immer auch gescheiterte Existenzen.”

Da hätten wir noch einen Hinweis, Pfeiffer:

Es gibt ein kleines, friedliches, fortschrittliches Land in Europa, in dem es gar keine Sitzenbleiber gibt. Da müssen sich die Lehrer richtig kümmern, dass das nicht passiert. Das Land heißt Finnland. Noch ein Land ohne Sitzenbleiber heißt Kanada. Sowohl Finnland als auch Kanada gehören zu den Gewinnern der PISA-Studie. Das geht also und kommt gut.

Aus dem Kultusministerium Baden-Württembergs aber heißt es, das Sitzenbleiben …

“… ist eine pädagogisch sinnvolle Maßnahme”

Zumindest geht die posthysterische Diskussion allmählich auch in die Richtung, die was bringt. (bk)

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