Microsofts wundersamer Informationsaustausch
Ist Interoperabilität ein zu hoher Anspruch für Microsoft?

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Die neuesten Allianzen zwischen Microsoft und anderen Anbietern werden wohl nur wenig mehr als kosmetische Verschönerungen zur Folge haben, meint Martin Veitch.

Mirosoft-Geld für die Ex-Feinde

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Da saß ich nun und schrieb diese Worte hier in Barcelona, wo Microsoft kürzlich sein IT-Forum “TechEd” abgehaten hat. Ich redete mit ein paar Leuten über eine Ankündigung, die der Software-Riese zusammen mit einigen anderen IT-Lieferanten gemacht hatte. Dabei ging es um etwas, das als “Interop Vendor Alliance (IVA)” bezeichnet wird – wobei “Interop” als Akronym für Interoperabilität steht. Eine gewisse Skepsis kann ich mir aber hierbei nicht verkneifen.

Die IVA steht im Einklang mit der vor kurzem von Microsoft vollführten Wende nach dem Motto von Winston Churchill “besser einander beschimpfen als einander beschießen”. Finanzielle Einigungen und Verträge mit Sun, Novell und anderen deuten darauf hin, dass Microsoft eine strategische Entscheidung getroffen hat, um alte Zankäpfel um geistiges Eigentum zugunsten freundlicher Beziehungen und Versprechen bezüglich Zusammenarbeit zu begraben.

Weder die Unmengen an Geld, die Microsoft verschleudert hat, um sich seine ehemaligen Feinde gewogen zu machen, noch die wenigen nützlichen und unwesentlichen Verbesserungen, wie beispielsweise beim Sign-On und der Authentifizierung, die aus dieser Zusammenarbeit hervorgehen mögen, können überzeugen. Interoperabilität wird einfach zu häufig als hohle Phrase gebraucht. Ich glaube kaum, dass auch eine noch viel längere Liste von Anbietern als die der in der IVA vereinigten in der Lage wäre, mehr zu bewerkstelligen als bloße Kosmetik.


Interoperabilität: Kamel durchs Nadelöhr?

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Microsoft erklärt, dass die IVA eine Plattform wird, die zu Fachgesprächen anregen soll, wo Entwicklungsteams über ihre Arbeit diskutieren und Veranstaltungen durchführen können, die auf die Verbesserung der Interoperabilität abzielen. Nun ja, machen wir das nicht schon ewig?

Die nackte Wahrheit ist doch, dass man eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ziehen kann, als dass man den jetzigen Schlamassel in den Griff bekommt. Trotz Jahrzehnten mit offenen Systemen steckt noch viel proprietäre DNS in den “Genen” (also Programmzeilen) der kommerziellen Software und wird dies wohl auch immer tun.

Die Anbieter wollen immer einen besseren “Work-around” um noch nicht vorhandene Features bauen, einen Weg finden, die Dinge besser, schneller und billiger zu bewerkstelligen – aber sie zerreißen damit oft das empfindliche Gewebe, das Software mit Software und Computer mit Computer reden lässt.

Die komplexe Kette vom ursprünglichen Gedanken bis zur Ausführung ist innerhalb eines Unternehmens schon schwierig genug und wird noch um ein Vielfaches komplizierter, wenn man versucht, jeden außerhalb der eigenen Firma dazu zu überreden, seiner Führung zu folgen. Der Stolz, das Not-Invented-Here Syndrom, die Vollmacht zu differenzieren und manchmal der Wunsch, Kunden auf nur einen Anbieter festzulegen (in Englan “Vendor Lock-in” genannt) – all das trägt dazu bei, dass nur eine elementare Interoperabilität erwächst und es eine Sisyphusaufgabe ist, die zerbrochenen Kettenglieder wieder aneinander zu fügen.


Normen und Gremien machtlos – Microsoft auch

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Interessanterweise haben wir dieses Phänomen auch in der OpenSource-Gemeinde, wo etwa Beschuldigungen, den Code in bestimmte Richtungen zu bringen (die dem Hersteller passen) oder unterschiedliche Herangehensweisen an das gleiche Problem an der Tagesordnung sind.

Natürlich haben wir aus diesem Grunde Normen und Gremien von guten Menschen, die in endlosen Meetings versuchen, einen Weg zwischen all den kommerziellen, kulturellen, politischen und anderen Interessen zu finden. Aber man sieht auch, wie oft gute Normen unterlaufen werden – was uns zu dem alten Witz bringt, dass Standards so nützlich sind, dass man gleich mehrere miteinander im Widerspruch stehende für die gleiche Aufgabe parat hat.

Nun war ich also in Barcelona und versuchte, ein Ladegerät für mein Telefon zu bekommen, weil ich meins vergessen hatte und bei den Anbietern schließlich die Kassen klingeln, wenn sie bei ihren unterschiedlichen Steckverbindern bleiben. Ich verwende einen Laptop mit einem neuen Ladegerät, weil das vorhergehende kaputt gegangen ist, und es war eine Odyssee, ein neues zu beschaffen, weil alle unterschiedlich sind. An die Stromversorgung bin ich mit einem riesigen uralten Steckdosenadapter verbunden, denn jedes Land hat schließlich seine besondere Art, Strom zu ziehen.

Die Stromversorgung gibt es schon über ein Jahrhundert, Austausch gibt es noch immer nur mit diesen “Frankenstein”-Adaptern. Meine Skepsis hinsichtlich der Software-Interoperabilität habe ich also noch immer. Auch ein Gigant wie Microsoft schafft das nicht. (mk)