Hirnforscher: Mehr Steuern auf Gewaltspiele

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Der Amoklauf von Emsdetten hat auch den bekannten Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer zum Interview gerufen, der schon immer gerne und lange über Computerspiele redet. Er ist meinungsfreudig wie immer, widerspricht aber auch den platten Forderungen der Politiker.

Professor Manfred Spitzer spitzt gerne zu (was dem Inquirer völlig fern liegt, wie wir in diesem Zusammenhang betonen müssen) und hat letztes Jahr ein Buch mit dem Titel “Vorsicht Bildschirm!” veröffentlicht. Der Inhalt lässt sich ganz knapp im Originalton wiedergeben: “Bildschirmmedien machen dick, dumm und führen zu Mord und Totschlag.”
Im Interview mit Deutschlandradio Kultur unterstellt er aber zumindest keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Amoklauf und den durch den Amokläufer konsumierten Computerspielen: “Denn im Fall eines einzigen Amokläufers ist es im Nachhinein, selbst wenn der jetzt lange an den Medien gespielt hat, was er wohl hat, ist es im Nachhinein gar nicht auszusagen, was der Anteil der Medien ist und was vielleicht der psychosoziale Hintergrund und was auch sonst da mitgespielt haben mag. Aber das ist halt ein statistisches Problem.”
Als Beweis für die bösartige Wirkung gewalttätiger Computerspiele führt er Studien an, die die aggressive Einstellung von Probanden messen, nachdem sie gewalttätige Spiele absolviert haben. Studien dieser Art gab es aber schon über Kinobesucher der 50er-Jahre nach dem Genuss der damals umstrittenen James-Dean-Filme. Dabei stellte sich aber auch damals schon heraus, dass die unmittelbar nach dem Medienkonsum erhöhe Neigung zu aggressivem Verhalten sich nach einer gewissen Zeit wieder verlor und auf das vorhergehende Maß reduzierte. Viel weiter ist die Medienwirkungsforschung eigentlich bis heute nicht gekommen – vielleicht, weil sie nicht für so besonders wichtig gehalten und finanziert wird von den gleichen Leuten, die immer gleich lautstark nach Verboten schreien.
Einen weiteren Beweis für die Medienwirkung sieht Spitzer in der Fernsehwerbung, die kein Milliardenmarkt sein könnte, wenn sie tatsächlich wirkungslos wäre. Und er unterstellt auch der amerikanischen Armee, mehr über die Wirkung von Computerspielen zu wissen als Wissenschaftler und Politiker:
“Wenn Sie einen Gewaltakt sehen, ist das nicht schlimm. Aber wir wissen heute, dass Kinder, die 18 sind, die haben 200.000 gesehen. Und diese Gewalt, wenn man sie dann auch noch einübt, und zwar mit Spielen, die zum Teil von der amerikanischen Armee erdacht und produziert wurden, um ihren Soldaten auch in der wirklichen Realität das Töten anzutrainieren – weil Soldaten bis in die 90er oft daneben geschossen haben, das wollte man denen abgewöhnen, also hat man denen Spiele beigebracht, womit sie richtig Draufhalten sich antrainieren -, und diese Spiele spielen heute Jugendliche. Wir bringen also mit komplexer Software und Hardware der nächsten Generation das Töten bei.”
Für aboluten Blödsinn hält Spitzer die Forderung nach mehr Medienpädagogik, die zu verantwortungsbewussterem Umgang mit TV und Computer erziehen soll: “Dass wir in den Schulen den Umgang mit so was jetzt noch beibringen den Kindern, also das ist so wie Anfixen.”
Das von überwachungsfreudigen Politikern herbeigewünschte “Frühwarnsystem für Amokläufer” hält er für noch größeren Unsinn: “Definitionsgemäß finden Amokläufe immer wieder, einfach mal so statt, weil jemand irgendwie ausrastet. Wenn Sie das, was jeder so mal heimlich irgendwo macht, wirklich alles kontrollieren wollten, dann bräuchten Sie einen Apparat, der wäre schlimmer als die Stasi, die es mal irgendwann gab.”
Er möchte die Gewalt in den Medien eher wie Umweltverschmutzung behandelt wissen, worauf auch amerikanische Ökonomen schon gekommen wären: “Was Sie machen müssen, ist sozusagen den Dreck teuer machen. Und genauso ist es mit der Gewalt: Sie müssen die Gewalt verteuern – zum Beispiel durch eine Steuer auf Gewaltmedien, durch eine Steuer auf deren Verbreitung. Die schlimmsten Dinge muss man wohl auch verbieten. Und dann ist es beim Umweltschutz ja auch so, dass wir alle zu Hause Mülltrennung machen können. Das heißt, jeder kann zu Hause darauf achten: Was habe ich da für Spiele, was machen meine Kinder und Jugendlichen mit diesen Dingen? Und schlimmstenfalls Bildschirmmedien einfach abzuschaffen, zu Hause.” (bk)

Deutschlandradio Kultur