Outsourcing trifft die Journalistenklasse

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Nicht einmal Zeitungsschreiber sind mehr davor sicher, durch noch viel billigere Schreiber in Indien ersetzt zu werden.

Amerikanische Journalisten werden zunehmend unruhig, nachdem tatsächlich schon Schreibplätze in Billiglohnländer verlagert wurden und weitere Abwanderungen zu erwarten sind. Eine Umfrage unter 350 Zeitungsmogulen in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten ergab, dass sie von zunehmendem Outsourcing ausgehen, auch wenn nur wenige von ihnen alle redaktionellen Funktionen abgeben wollen. Als Grund nennen sie geringere Anzeigenerlöse und sinkende Auflagen der Druckerzeugnisse.
Schon vor zwei Jahren eröffnete der Finanznachrichtendienst Reuters eine neue Zentrale im indischen Bengaluru, das als Standort von IT-Firmen und Callcenters bekannt ist. Rund 100 der dort stationierten Journalisten arbeiten ausschließlich an US-Wirtschaftsthemen. “Journalismus mit der Fernbedienung” nennen das die Journalisten-Gewerkschaften. Mitglieder der “Newspaper Guild of New York” demonstrierten deshalb bereits vor dem New Yorker Reuters-Büro.
Ausgelagert werden auch Grafikdesign-Jobs sowie die Anzeigenproduktion. Die landen zum Beispiel bei der Express KCS in Indien, die sich “das Back-Office der weltweiten Medien” nennt. Die indische Schreibfabrik Hi-Tech Export hält 700 Mitarbeiter bereit, die für einen Discountpreis von 280 Euro 40 Stunden lang über englischsprachigen Texten brüten. Die britische Boulevardzeitung “Daily Express” lagerte ihren kompletten Wirtschaftsteil nach einer Erkundungstour in Indien zumindest lokal aus.
In Indien wird derweil dringend schreibender Nachwuchs gesucht: “Wirtschaftsautoren dringend gesucht”, lockte eine Anzeige unlängst Journalisten nach Mumbai zum Einsatz für britische Verleger: “Sie sollten bereit sein, in Nachtschichten zu arbeiten (UK-Schichten).”
Vielleicht haben die gutbezahlten US-Starjournalisten in Zukunft ja mehr Zeit, sich den wirklich wichtigen Aufgaben zu widmen – etwa die Nächte vor dem Haus einer B-Listen-Prominenten zu verbringen, um zu sehen, mit wem sie sich in dieser Woche einlässt.
Das gilt natürlich nicht für deutschsprachige Schreiber, die ja selbst hart mit ihrer Sprache zu kämpfen haben. So hätte zum Beispiel Eugen Russ, der Verleger der “Vorarlberger Nachrichten”, auch gerne ein paar Jobs nach Indien verlagert. “Mit der deutschen Sprache ist das problematischer”, musste er jedoch erkennen und lässt statt dessen die Software seiner Website im preisgünstigeren Rumänien pflegen. (Nick Farrell/bk)

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International Herald Tribune