Bonitätsprüfung im Online-Handel
Scoring-Verfahren mindern Zahlungsausfälle

E-CommerceElektronisches BezahlenIT-ManagementIT-ProjekteMarketingNetzwerk-ManagementNetzwerkePolitikRecht

Was, wenn ein Online-Kunde nicht zahlt? Mit Bonitätsprüfungen können Online-Händler Risikokunden schon vor dem Kauf erkennen. Dienstleister bieten Systeme an, die auch kleinere Unternehmen in ihre Shops integrieren können. Was gibt es zu beachten?

Risikokunden-Ermittlung auch für kleine Händler

Bonitätsprüfung im Online-Handel

Hierzulande bezahlen Online-Kunden am liebsten per Rechnung. Aus Unternehmenssicht aber trägt gerade diese Zahlungsweise das größte Risiko. Bei 12,5 Prozent der Rechnungen trifft das Geld nicht ein, bei Lastschriftverfahren sind es 4,8 Prozent, Nur Kreditkartenzahlungen brillieren mit ungeschlagenen 0,2 Prozent.

Daher beschränken sich zurzeit viele kleinere Shops auf eine Lieferung gegen Vorkasse oder Nachnahme. Ergebnis: Viele Kunden springen ab. “25 Prozent der Online-Dialoge werden abgebrochen, wenn keine gewünschte Zahlungsart vorliegt,” betont Roland Meters, Consultant Risikomanagement bei Bürgel Wirtschaftsinformationen. Seiner Einschätzung nach lassen sich die Umsätze durch Rechnung, Lastschrift oder Kreditkarte um mindestens 16 Prozent erhöhen.

Hier kommt die IT ins Spiel. So sind viele große Versandhändler standardmäßig direkt mit den großen Datenbanken von Wirtschaftsprüfern verbunden, um Risikokunden mit Bonitätsprüfung zu identifizieren. Kleinere Online-Shops haben hier Nachholbedarf, beurteilt ibi research in seiner Studie “Zahlungsabwicklung im Internet – Bedeutung, Status-quo und zukünftige Herausforderungen” (mehr zur Onlinezahlungs-Studie hier).

Aber auch die Kleinen können Forderungsverluste auffangen, wenn sie die Angebote externer Dienstleister in ihren Workflow integrieren.


Wann sich der Datenabgleich lohnt

Bonitätsprüfung im Online-Handel

70 Prozent des Internet-Handels laufen “B2C” – vom Business an den Consumer. Hier ist mit Zahlungsausfällen von 0,6 bis ein Prozent zu rechnen, bei B2B-Anbietern sind es weniger. Und: 65 Prozent der Online-Kunden im B2C-Bereich sind Neukunden, über die ein Anbieter noch gar nichts weiß – wohl aber die Datenbanken der Bonitätsprüfer.

Für die Entscheidung, ob sich eine Integration in ihre Shop- oder Warenwirtschaftssysteme lohnt, sollten Online-Händler Anzahl und Wert ihrer Bestellungen prüfen. Nach Einschätzung der telego! GmbH lohnt sich eine direkte Anbindung ihrer Bonitätsprüfung über eine XML-Schnittstelle bei mehr als 200 Abfragen pro Monat. Bürgel Wirtschaftsinformationen berechnen etwa 2,50 Euro für B2C, die Abfrage von Unternehmen kostet 15-20 Euro.

Nach der Untersuchung “Bonitätsprüfungen und ihre Rentabilität” rechnet die GMF (Gesellschaft für innovatives Forderungsmanagement mbH) vor, dass sich eine Bonitätsprüfung besonders bei kleinen Margen lohnt. In einer Beispielrechnung mit 1000 Bestellungen verringern Bonitätsprüfungen die Totalausfälle von 67 auf 12. Die Kosten für eine Abfrage setzen sie in diesem Beispiel mit 1,95 Euro an.
Negativ belastete Kunden müssen dann auf Zahlungsarten wie Nachnahme umsteigen oder springen ganz ab.

Erfahrungswerten zufolge enthält durchschnittlich mehr als jede zehnte Bonitätsauskunft Negativeinträge, so das Whitepaper von GMF, und 80 Prozent von diesen würden ihre Zahlungsverpflichtung nicht erfüllen. Das Whitepaper steht den auf www.Shopanbieter.de registrierten Benutzern kostenlos zur Verfügung.


Scoring-Werte klassifizieren Zahlungsmoral

Bonitätsprüfung im Online-Handel

Was die Bonitätsprüfung der externen Dienstleister an den Shop-Betreiber in Echtzeit zurückmeldet, ist eine Zahl zwischen eins und sechs: Der Scoring-Wert.


Die Scoringwerte helfen, die Zahlungsmoral des Kunden einzustufen. Quelle. Bürgel Wirtschaftsinformationen

Ermittelt werden diese Werte in Sekundenschnelle anhand von Adresse, Geschlecht, Alter, Familienstand, Adressänderungen, Umzüge, Zahlungserfahrungen und Rückstände, bestellte Risiko-Produkte oder Bestellmenge.

Bürgel kann dafür auf eine beachtliche Datenbank zurückgreifen: Merkmale von 37 Millionen Privatpersonen und 3,6 Millionen Unternehmen befinden sich darin. Quellen für die zentrale Datenbank sind u.a. das Handels- und Schuldnerregister sowie Inkasso-Daten.

Ein hoher Scoring-Wert bedeutet Rot. Rot heißt: Dieser unsichere Kunde bekommt nur ausfallsichere Zahlungsmodalitäten wie Nachnahme oder Vorkasse angeboten. Nur “Grün-Kunden” erhalten ihre geliebte Rechnung. Diese Einstellungen kann der Online-Shop-Betreiber eigenständig festlegen, ebenso wie ein Kreditlimit pro Scoreklasse und unterschiedliche Verfahren bei Neu- und Bestandskunden. Letztere können beispielsweise in regelmäßigen Abständen neu bewertet werden.


Gläserner Kunde gegen (Zahlungs)-Moralpostel?

Bonitätsprüfung im Online-Handel

Aus Verbrauchersicht allerdings ist nicht immer transparent, welche Daten in das Bewertungssystem einfließen und was da überhaupt passiert. So fordert auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer eine erhöhte Transparenz bei der Bonitätsprüfung. Das unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig Holstein (ULD) hat im Jahre 2005 hierzu eine kritische Studie erstellt (www.datenschutzzentrum.de/scoring/index.htm).

Um die Transparenz zu gewährleisten, müsse der Shop-Betreiber seinen Kunden unbedingt reinen Wein einschänken, betont Dr. Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein. Aus AGBs und Einwilligungserklärungen müsse klar hervorgehen, welche Bonitätsprüfungen der Shop-Betreiber durchführt.

Die Dienstleistung selbst sollte er bei nur bei einem Unternehmen einkaufen, das datenschutzkonform vorgeht. Für “absolut seriös” allerdings hält er keinen der zahlreichen Anbieter.