Rockstar Games: Bully wird nicht schon vor dem Start verboten

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Ein amerikanischer Richter wies GTA-Entwickler Rockstar an, eine noch nicht veröffentlichte Kopie des umstrittenen Titels “Bully” auszuhändigen. Das verstößt nach bisheriger Rechtsprechung gegen die US-Verfassung. Verbieten wollte er das Spiel dann aber doch nicht.

Der zu Take-Two Interactive Software gehörende Entwickler Rockstar steht unter Dauerbeschuss seit der Veröffentlichung des Bestsellers Grand Theft Auto: San Andreas. Über die Gewalt-Entrüstung hinaus rief dabei der Hot-Coffee-Skandal Empörung aus, bei dem es um freischaltbare Szenen ging, die von Amerikanern offenbar mit expliziten Sex-Szenen verwechselt wurden. Selbst Hillary Clinton versuchte sich darob schon als treusorgende Landesmutter zu profilieren und rief nach Verboten.
Als Rockstar daher im Mai 2005 Bully ankündigte, ging der Sturm gleich los. Schon die Ankündigung mit einem Satz genügte: Es sollte um den taffen 15jährigen Jimmy Hopkins gehen, der sich in einem Internat namens Bullworth Academy gegen die Schlägertypen der Schule zu wehren hat.
Schulleiter warnten Händler, das Spiel zu führen. Vor den Rockstar-Büros wurde demonstriert. Der bekannte TV-Moderator Lou Dobbs jammerte über “ein weiteres beunruhigendes Beispiel für den Niedergang unserer Kultur”. Das Spiel würde im ganzen Land zu schulischen Gewalttaten führen, prophezeiten entsetzte Kritiker.
Schon vor der Veröffentlichung prüfte ein Gericht in Florida jetzt das Spiel. Das steht ganz in Widerspruch zu vorherigen Gerichtsurteilen in ähnlichen Fällen, nach denen es gegen den Verfassungszusatz über die freie Meinungsäußerung verstößt, wenn ein Gericht sich mit Material beschäftigt, bevor es veröffentlicht wurde.
Die richterliche Aktion geht auf einen Antrag des notorischen Jack Thompson zurück, der schon lange vehement gegen Gewaltspiele kämpft. Er sah in Bully einen “Columbine-Simulator” und wollte das Spiel zum “öffentlichen Ärgernis” erklären und dadurch aus dem Verkehr ziehen lassen, wie er einem Radiosender erklärte: “Ihr habt in Florida dieses Öffentliche-Ärgernisse-Gesetz, wie es genannt wird. Das besagt, dass ein Bürger eine gerichtliche Verfügung bewirken kann, um jede beliebige geschäftliche Aktivität zu beenden, die gefährlich für die Öffentlichkeit ist. Und ich halte es für richtig, das Gesetz auf dieses Spiel anzuwenden.”
Müssen wir erwähnen, dass er das Spiel, über das er sich so öffentlich ärgert, noch nie gesehen hat? Clive Thompson von Wired hingegen durfte es in den Büros von Rockstar schon mal anspielen und hatte einen ganz anderen Eindruck. Das erwartete Blut fließt in Bully überhaupt nicht. Zu den Waffen gehören Baseballschläger, die nach ein paar Schlägen brechen, Stinkbomben und Säcke mit Murmeln, die strategisch geschickt geworfen werden müssen, um Verfolger zu Fall zu bringen.
Die Schule ist von den üblichen Typen und Cliquen bevölkert, von dickbebrillten Geeks bis zu strunzdummen Schlägern. Einmal wollen die Schulschläger einen Obdachlosen aufmischen, der Held muss es verhindern. Das größte Verbrechen im Internat besteht ansonsten darin, die Sperrstunde zu verpassen. Das bringt die Höchststrafe: Nachsitzen und diverse kleine Rätsel- und Wortspiele lösen.
Ist Rockstar also so erschrocken, dass aus Bully ein langweiliges und nur noch pädagogisch wertvolles Spiel wurde? Nein, sagt Clive Thompson, es lägen zwar keine AK-47 im Internat herum, aber er hätte das Spiel ganz ähnlich wie Grand Theft Auto empfunden, mit dem gleichen Witz und satirischen Biss. Ähnlich wie in der GTA-Serie bekommt es der Spieler ständig mit korrupten Autoritäten zu tun. Er lernt also in der Schule für das Leben – und das soll nun wieder besonders anstößig sein.
Der unabhängige Richter Ronald Friedman am Miami-Dade County Circuit Court hat Bully nun aber in die Freiheit entlassen, nachdem er sich Szenen aus dem Spiel in nichtöffentlicher Sitzung angesehen hat. Das Spiel darf auch in Florida ab dem 18. Oktober frei verkauft werden.
Und so sah der Richter das Spiel:
“Da gibt es eine Menge Gewalt. Eine ganze Menge. Aber weniger, als wir jeden Abend im Fernsehen zu sehen bekommen. Heißt das, ich möchte, dass meine Kinder das sehen? Nein. Aber ist die Gewalt so bedeutsam, dass sie zum öffentlichen Ärgernis wird? Nach dem, was ich gesehen habe, lautet die Antwort: Nein.”
Antragsteller Jack Thompson allerdings zetert weiter. Er beschimpft jetzt den Richter, beklagt sich über eine unfaire Verhandlung und redet von gefährlichen Steinschleudern im Spiel, die bald an allen Schulen des Landes zum Einsatz kommen und schwere Verletzungen hervorrufen werden. Eine bessere PR-Show hätten sich die Bully-Macher gar nicht wünschen können. (bk)

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