Keine Standards mehr im Internet
Wer nimmt bei W3C den Taktstock in die Hand?

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Der offizielle Ordnungshüter für Web-Normen W3C schläft bei der Arbeit fast ein – und das ist für das Internet alles andere als förderlich.

Kein Normen-Anstoß mehr vom W3C?

Keine Standards mehr im Internet

Als ich mal eine ruhige Minute hatte, tippte ich bbc.co.uk zur Überprüfung seines HTML-Codes in den “Markup Validation Service” der W3C-Website ein. Mit 45 Fehlern wurde die Richtigkeit der Web-Standards verfehlt. Vielleicht sollte es die BBC besser können – aber in Wahrheit wird sich kaum jemand darum scheren, wenn die Seite im Browser ordnungsgemäß funktioniert. Das mag erklären, warum so wenige wichtige Webseiten sich mit der W3C-Validierung abplagen, auch wenn dieser die Rolle des Ordnungshüters für Webnormen zugeschrieben wird. Auch diese Webseite schert sich nicht darum – denn die W3C komt offenbar mit der Technik-Entwicklung nicht mehr mit.

Das ist eine Schande, denn Web-Normen sind an sich eine gute Sache. Sie verbessern die Interoperabilität zwischen den Browsern und über verschiedene Plattformen hinweg, helfen die Abhängigkeit an einzelne Anbieter zu verhindern und ermöglichen reichhaltigere Webseiten.

Leider gibt das W3C keinerlei Anstoß für Webnormen mehr – wenn es dies denn jemals getan hat. Die Organisation scheint in einer Krise zu stecken. Der Guru für standardisierte Webseiten Jeffrey Zeldman hat im Juli festgestellt, dass wichtige Leute die Gruppe verlassen und merkt an: “Da sie ihren Zahlmeistern in den Unternehmen verpflichtet sind – weil nur diese sich eine Mitgliedschaft leisten können – wird das W3C zunehmend von den normalen Designern und Entwicklern abgeschottet.”


Andere Normungsgremien übernehmen das Web

Keine Standards mehr im Internet

Einen Monat später hat Eric Meyer, Experte für Cascading Style Sheets, im Web veröffentlicht: dass “der erste Teil der Kern-Aussage von W3C, das ‘Web zu seinem vollen Potential zu führen’, verraten wurde.” Beschwerden über die übertriebene Bürokratie, den Mangel an Reaktionsfreudigkeit und langsame Verfahrensweise häufen sich.

Deshalb werden die entscheidenden Normen heute woanders entwickelt. Die wichtige Arbeit an Mikroformaten hat nichts mit W3C zu tun sondern spielt sich auf der Microformats.org-Website ab. Der Umschwung des Webs von statischen Seiten auf dynamische Anwendungen sollte die HTML-Spezifikationen beeinflussen, aber die notwendigen Arbeiten dazu erfolgen bei einer Gruppe, die sich WhatWG nennt.

Andere wichtige Normen sind proprietär. Adobe versucht fieberhaft, Flash und PDF als Webnormen zu positionieren; Microsoft forciert XAML und seine neuen XBAPs – XAML Browser-Anwendungen – und Sun managt die Java-Normen.


Forderung: Macht die W3C zur Stiftung!

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Es ist aber nicht schlecht, wenn es mehrere Gruppen für Webnormen gibt. Wesentlich bedenklicher ist, wenn W3C ignoriert oder diskreditiert wird, es keine klare Instanz mehr gibt, die Konflikte lösen kann, die Konformität messen und die Einführung von Normen vorantreiben kann.

Kritische Bereiche wie die Zugänglichkeit zu Webseiten durch Behinderte werden durch öffentliches Gerangel und die Unzufriedenheit mit dem – sich im Entwicklungsstadium befindlichen – Standard Web Content Accessibility Guidelines 2.0 hinausgezögert.

Meyer schlägt in seinem Blog vor, dass das W3C eine unabhängige Stiftung werden sollte. “Volle finanzielle Unabhängigkeit gestattet W3C Dinge zu tun, die seine Gebühren zahlenden Mitglieder wahrscheinlich nicht zulassen würden”, ist sein Argument. Davon bin ich nicht überzeugt, sein radikales Denken ist jedoch richtig. Das W3C hat eine gründliche Überprüfung seiner selbst nötig, die von seiner Satzung bis zu seiner hässlichen Webseite reichen sollte. Aber trotz aller Mängel – das W3C hat noch immer eine wichtige Rolle zu spielen.

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