Kein Kino-Feeling mit HD
Interview mit Mathias Allary

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High Definition ist in aller Munde und HD-Fernseher stehen inzwischen in vielen Wohnzimmern. Doch wie sehen die Filmemacher und Produzenten die High-Definition-Technik? PC Professionell sprach mit dem Regisseur Mathias Allary.

“Wir kämpfen noch mit der Technik”

Kein Kino-Feeling mit HD

Mathias Allary hat an unzähligen Kino- und TV-Filmen als Regisseur, Drehbuchautor oder Produzent gearbeitet. Mit Active Home unterhält sich Allary über Chancen und Tücken der HD-Technik.

PCpro: Viele Leute sind begeistert von den hochauflösenden HD-Videos. Geht das den Filmemachern auch so?
Allary: Im Moment kämpfen wir noch mit der Technik. Bei HD-Kameras ist der Kontrastumfang geringer, helle Flächen wie Fenster werden schnell völlig überstrahlt und dunklere Flächen einfach schwarz. Das macht die Ausleuchtung einer Szene sehr aufwändig. Außerdem sieht man bei den Schauspielern jeden Pickel. Da müssen Sie am Set viel sorgfältiger schminken. Bei manchen HD-Kameras lässt sich nicht mal die Entfernung direkt am Objektiv ablesen und einstellen. Man muss einen Servomotor mit dem Schärfering ansteuern. Digitalkameras werden von Elektronik-Spezialisten gebaut und nicht von Kamera-Spezialisten, das merkt man einfach.
PCpro: Welche Vorteile hat die HD-Technik?
Allary: Bei 35-mm-Film ist jede Einstellung auf maximal 10 Minuten beschränkt. Dann müssen Sie die Kassette wechseln. Bei Digitalkameras kann man viel länger am Stück drehen. Das ist vor allem für Dokumentarfilmer interessant, die oft lange beobachten müssen.
PCpro: Verändert die HD-Technik den Stil der Filme?
Allary: Ja, die Schnitte sind schneller geworden. Am klassischen Schneidetisch muss der Cutter jeden Schnitt von Hand machen und die Filmstreifen dann mit einem Klebefilm zusammenfügen. Das digitale Material dagegen kann man mit einer professionellen Schnittsoftware wie Final Cut Pro, Premiere Pro oder Avid Xpress mühelos schneiden.
PCpro: Fühlen sich Filmemacher eigentlich bedroht, wenn immer mehr Laien zum Camcorder greifen und ihr eigenes Videos drehen, vielleicht sogar in HD-Qualität?
Allary: Dadurch steigt zwar die Zahl der Filme, aber nicht unbedingt die Zahl der Filme, die wirklich gut sind. Geschichtenerzählen ist ein Handwerk. Wie das geht, steht nicht in der Bedienungsanleitung des Sony-Camcorders.


“Kinofilm um Klassen besser als HD …”

Kein Kino-Feeling mit HD

PCpro: Was bedeutet digitales Video fürs Kino?
Allary: Im Moment ist HD noch kein Thema fürs Kino. Die Bildqualität ist nicht gut genug.
PCpro: Einspruch, ein hochauflösendes Video mit 1080i bietet immerhin 1920 x 1080 Pixel ?
Allary: Das ist gerade mal die halbe Auflösung eines 35-mm-Negativs. Ein 35-mm-Film löst 5000 – 6000 Linien auf, neueste niedrigempfindliche Materialien bis zu 11 000. Auch bei Kontrasten und Farbumfang ist der Kinofilm immer noch um Klassen besser. Fürs Fernsehen ist HD ein echter Fortschritt. Aber Kino-Feeling kriegen Sie damit nicht hin.
PCpro: Was heißt Kino-Feeling? Verregnete Kopien, Bildsprünge und verblasste Farben bei Filmklassikern?
Allary: Das heißt optimale Durchzeichnung bei hellen und dunklen Flächen, fein abgestufte, natürliche Farben und das Spiel mit der Tiefenschärfe, eines der wichtigsten Gestaltungsmittel im Kino. Das kann bisher nur der klassische Negativ-Film. Das Kinobild atmet, das Digitalbild wirkt perfekt und starr.
PCpro: Ist die eingangs erwähnte Begeisterung für Digitalvideo und HD also nur ein Irrtum?
Allary: Sicher nicht, das preisgünstige Equipment und die Möglichkeit, die komplette Post Production am PC zu erledigen, sind ein Geschenk für anspruchsvolle Hobbyfilmer und die Independents. Die werden in den nächsten Jahren einen riesigen Aufschwung erleben. Das sind Leute, die neue Sachen ausprobieren und kreativ mit dem Medium Film umgehen. Und davon profitiert am Ende auch das klassische Kino.
Das Gespräch führte Mehmet Toprak.

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