Im IM-Sog: E-Mail wird zur neuen Schneckenpost

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Erinnert sich noch jemand an Warteschlangen, schmucklose Schalter und unterbelichtete Markenstempler? Richtig, das war die ursprüngliche Snail Mail. Den Ruf der langweiligen, angestaubten und langsameren Beförderung erbt jetzt das E-Mail-System. Angesagt sind andere Methoden.

Klar, junge hippe Leute benutzen auch schon mal ihren Mail-Account, um Eltern, Boss oder andere alte Säcke mit einer Botschaft oder einer (längst überfälligen) Datei zu beglücken. Schließlich gehen sie auch alle Jubeljahre mal zur Post-Filiale. Aber sie schauen längst auf das E-Mail herab. Es ist outdatet, von gestern, nicht icy oder sharp genug.
Der smarte Street-Rapper von heute nutzt SMS, Chat, Instant Messaging, Blogs und natürlich die Buddyseiten wie Facebook oder MySpace (Clique sagt wohl keiner mehr, hm?). “Das ist die Welt der unmittelbaren Belohnung. Kommunikation muss instant, sofort, direkt, schmerzhaft schnell sein”, gibt Rachel Quizon das Lebensgefühl ihrer Generation wieder. Es ist eine 24/7-Szene, die nonstop immer online ist, stets empfangs- und sendebereit. Viele seien IM-abhängig, müssten ständig chatten, bloggen, quatschen. E-Mail und Postkasten? Das sei nur etwas für Werbung, SPAM, eckliges Zeug, winkt sie lachend ab.

“Der Fun-Part des E-Mail ist verschwunden. Heute ist das ein Werkzeug für die Arbeit, für Offizielles, Unangenehmes”, erklärt die Soziologin und Medienexpertin Danah Boyd von der University of California. Daher bleiben so viele zweitrangige E-Mails unbeantwortet. Zumal viele Menschen in einem Wust aus Mails förmlich ersticken. Nur die wichtigen, dringendsten Botschaften würden noch beachtet und beantwortet. Statt dessen chattet man lieber über Belangloses. Hier kann sich auch nichts anhäufen, nichts Unerledigtes liegenbleiben. Und mit einem Ping sind die modernen Kommunikations-Allrounder sofort erreichbar. Per Brief, Mail oder Anrufbeantworter eben nicht.
Neben Chat und IM ginge zur Not noch das Telefon als Medium durch, bestätigen die Forscher vom Pew Internet & American Life Project . “Der Trend geht tatsächlich weg vom E-Mail”, zeigt sich Pew-Direktor Lee Rainie ganz erstaunt. Doch er sieht auch die Nachteile der schnellen Kommunikation: es bleiben keine Beweisstücke, keine Unterlagen oder Erinnerungen übrig. Welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft haben wird, kann er sich noch gar nicht vorstellen. (rm)