Abkürzungswahn in der IT-Branche
SOA: Erst ausgesprochen macht es Sinn

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SOA – die Serviceorientierte Architektur – ist die neueste Abkürzung mit drei Buchstaben, die verspricht, die Technologie dort zu platzieren, wo sie eigentlich hingehört – in die Hände der Geschäftsführer.

FIP. SAS. BI, ESM – Bahnhof?

Abkürzungswahn in der IT-Branche

Diesem FIP (Financial Information Package – Finanzinformationspaket) ist ein SAS (Stand-Alone-Supplement) über BI (Business Intelligence) beigefügt. Auf Seite 16 des SAS befindet sich eine ESM (Enterprise Software Map), die Ihnen mit etwas Glück letztendlich helfen wird, herauszufinden, was die scheinbar endlose Liste von Technologie TLAs (three letter acronyms – Abkürzungen aus drei Buchstaben) wirklich bedeuten. Und, was noch wichtiger ist: was sie bewirken.

Vielleicht bin ich einfach ein COH (Cynical Old Hack – also ein zynischer alter Schreiberling) aber es scheint, als ob die Branche der Unternehmens-Software jeweils ein neues TLA erfindet, wenn sie ein neues Fitzelchen Software auf den Markt bringt – um die Leute davon zu überzeugen, mehr Geld auszugeben.


Des Erbsenzählers Existenzdrama

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Tatsächlich kann man es ihnen nicht verübeln – jedes Produkt braucht seine Story um verkauft zu werden. Problematisch wird es, wenn wir echte innovative und vielversprechende Technologien unter die Lupe nehmen – und sich eigentlich alles gleich anhört wie die restliche Software.

Ein Problem wird es auch, weil sich eine Menge von NCDs (Number Crunching Directors – Erbsenzähler, Sie also!) die Finger verbrannt hat, da sie in der Vergangenheit ziemlich hohe Summen für ziemlich seltsam klingende Technologien abgenickt hatten.

Am besten betrachtet man die SOA aber als eine Philosophie und nicht als Technologie (haben Sie Geduld mit mir in diesem Punkt). Das hat zwei Ziele. Zum einen soll das Gewicht der IT weg von der Technologie und hin zu den Unternehmenserfordernissen verlagert werden. Als Zweites soll es den Unternehmen ermöglicht werden, Funktionalitäten, die einstmals zur Lösung eines lokalen Problems erschaffen worden sind, für das gesamte Unternehmen nutzbar zu machen.


Märchenhafte Kosteneinsparungen erreichbar

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Dieses Recyceln von Funktionalität kann letztendlich auf alle vertikalen Sektoren ausgeweitet werden und theoretisch auch auf die ganze Geschäftswelt – was zu wahrhaft märchenhaften Kosteneinsparungen führen würde, wenn es funktioniert.

Die “Organisation for the Advancement of Structured Information Standards” (oder OASIS – ich könnte schwören, dass die erst die Abkürzung hatten und dann den Namen drumherumgebastelt haben) hat Folgendes über SOA gesagt: “Das zentrale Anliegen der SOA ist die Aufgabe oder betriebliche Funktion – nämlich dafür zu sorgen, dass etwas erledigt wird”. Das muss in den Ohren von Nichttechnikern doch wie Musik klingen.


SOA als Philosophie, nicht Technik

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Im Gespräch mit Phil Lee, Finanzchef der Britannia Building Society zu Anfang des Jahres, kamen wir auch auf die vor kurzem stattgefundene Neuerwerbung des Unternehmens, nämlich Bristol & West, zu sprechen. Lee ist noch immer mit Problemen der Datenintegration beschäftigt, die als Folge der großen britischen Fusion neun Monate nach dem Erwerb weiterhin auftreten. “Es ist auch nicht mal ein kleines Bisschen kompatibel!”, beschreibt er die Systeme der beiden Wohnungsbaugesellschaften. Wäre der Kauf erst in ein paar Jahren zustande gekommen und wäre SOA allgegenwärtig und durchgängig in beiden Unternehmen, wäre der Prozess der Datenintegration nahtlos vor sich gegangen, hätte nur einen Bruchteil der Zeit erfordert und ein Vermögen gespart.

Und da kommt die Philosophie hinter der SOA ins Spiel – dass nämlich Technologie nicht als Selbstzweck angesehen werden soll, sondern als Mittel zum Erreichen eines Unternehmensziels. Die einzige Möglichkeit, das zu erreichen, besteht darin, dass alle Technikfreaks ihre Systeme um ein Schema herum entwickeln, das Wechselbeziehungen miteinander ermöglicht. OASIS nimmt die Energieversorger als Beispiel für die Philosophie, die hinter der SOA steht. Der Energieversorger liefert Elektrizität und jeder kann diese Elektrizität nutzen, wenn er das richtige “Interface” hat (also einfach einen Stecker).


Erstmal Bier tanken, dann Kosten sparen

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Es lohnt sich aber sicher, darüber mal nachzudenken und vielleicht sogar beim CIO (Sie wissen ja: Der “Chief Information Officer” als der betriebswirtschaftliche IT-Verantwortliche) auf einen Schwatz zu diesem Thema vorbeizuschauen. Denn bei all den TLAs, die zurzeit herumgeistern, hat die SOA tatsächlich das Potential, neu zu definieren, wie Technologie praktisch zur Anwendung kommt. Sie wird die Macht der Technologie wieder in die Hände der Geschäftsführer legen und gleichzeitig zu bedeutenden Kosteneinsparungen führen. Und wer möchte davon wohl nicht ein Scheibchen abbekommen? Aber vielleicht sollten Sie sich erstmal zur BRS (beer refueling station – Bier-Auftankstation) zurückziehen, um darüber nachzudenken.

Der Autor
David Rae ist verantwortlicher Redakteur bei der Zeitschrift “Financial Director”