Enterprise Software im Umschwung
Flucht nach vorn: Borlands Antwort auf den Open-Source-Boom

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Open Source ist im Begriff, die gesamte Unternehmenssoftware-Landschaft auf den Kopf zu stellen. Zur Unterstützung dieser These führt Martin Veitch die neuen Pläne Borlands an – aber nur als eines von vielen Beispielen.

Turbulente Änderungen

Enterprise Software im Umschwung

Bei Borland lässt sich ein neuer “Ausschlag” im Zickzack-Kurs seiner kurzen, aber turbulenten Geschichte beobachten. Das Unternehmen kündigte an, es werde aus dem Bereich Entwicklertools aussteigen und sich – mit seiner Übernahme von Segue Software – auf das Application Lifecycle-Mangement konzentrieren. Dieser Schritt ist ein Beispiel dafür, in welchem Maße Open Source und Freeware die IT-Industriewirtschaft revolutionieren.

Mit diesem neuesten Schritt scheint Borland seine Wurzeln verlassen zu haben. Werfen wir einen kurzen Blick in die Geschichte: Mit seinem “Hacker Outfit” für Turbo Pascal startete das Unternehmen seine Karriere, es folgten Entwicklertookits für C, C++, Java und Delphi. Sie waren die soliden Grundpfeiler, auf denen das Unternehmen mit samt seinem manchmal etwas chaotisch anmutenden Schlingerkurs ruhte.

Dann hatte Borland mit Sidekick einen frühen Erfolg. Dieser Organizer bestand hauptsächlich aus ein paar DOS-Desktops und machte im Bereich Datenbanken und Tabellenkalkulation Forure, indem es sowohl Ashton-Tates dBase als auch Lotus 1-2-3 im Preis deutlich unterbot. Dann folgte der Riesensprung nach vorn durch die Übernahme von Ashton-Tate, einer der bis zum heutigen Tage größten Fusionen, seit es PCs gibt.

Die Aktion war – außer für Tate-Aktionäre – ein schlechter Deal, und es ging fortan um einen unseligen Machtkampf diverser Kombinationsstrategien.


Die Soap geht weiter

Enterprise Software im Umschwung

Bis in die frühen 1990er Jahre sonnte sich Borland in seinem Ruhm, allen voran sein Oberhaupt Philipp Kahn. Dieser Franzose ging sogar so weit, CDs mit Aufnahmen seiner mehr als zweifelhaften Saxophon-Künste an Kunden zu verteilen, doch bekanntlich kommt Hochmut vor dem Fall.

Borland und Novell unternahmen den gemeinsamen Versuch, eine Anti-Microsoft-Achse zu aufzubauen, was aber gründlich daneben ging. Dann verklagte Borland sogar einen früheren Geschäftsführer, der angeblich bei seinem Wechsel zu Symantec Geschäftsgeheimnisse preisgab.

Schließlich ging Kahn, aber die Borland-Soap lief weiter. Delphi wurde ein Hit, das Unternehmen nannte sich kurzfristig Inprise, dann nahm es seinen alten Namen wieder an und verlor sich in einem längeren Hickhack um eine Fusion mit Corel.

Vor nicht allzu langer Zeit fokussierte Borland sein Unternehmen auf eine Strategie der Software Delivery Optimisation – will heißen, dass von nun an Entwicklungsprojekte reibungslos laufen sollten. Leider sehen sich die wichtigsten Entwicklertools aber der Konkurrenz von OpenSource-Projekten wie Eclipse ausgesetzt. Und nun also der kühne Entschluss Borlands, seine gesamte IDE-Produktlinie (integrated development environment) über Bord zu werfen. Obwohl Beobachter den Wert dieser Aktion bezweifeln, würde ich nicht dagegen wetten, dass Microsoft oder IBM diese Geschäftssparte an sich reißt. Immerhin hatte Borland schon immer einen guten Ruf als Experte in Sachen Software-Technik.


Oracle kauft die OpenSource-Welt

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Während Borland also wieder einmal in neuem Gewand erscheint, hat sich die Strategie einer ständigen Richtungsänderung bei Unternehmens-Software auch anderswo herumgesprochen.

Oracle steht Berichten zufolge in Verhandlungen zur Übernahme einiger Open-Source-Firmen, nachdem es bereits die Firmen Innobase und Sleepycat übernommen hat. Daraus ließe sich ableiten, dass Oracle a) versucht, ein Modell zu verstehen, durch das es sich existentiell bedroht sieht, b) neue Marktaspiranten von vornherein auszuheben bestrebt ist und c) Larry Ellison´s “All you can eat-Strategie eins zu eins umsetzen möchte, um einen möglichst umfassenden Kundenkreis bedienen zu können.

Borland verkauft seine Entwickler-Tools, Oracle kauft die Open-Source-Community auf – verdrehte Welt! – Unternehmens-Software wird damit zum völlig neuen Strategiespiel, und die gezeigten Beispiele werden nicht die einzigen bleiben, die uns mit der Tatsache radikaler Veränderungen in der IT-Industrie konfrontieren.