Prostitution in der IT-Branche?
Die mittelalterlich denkende Musikindustrie macht auf “leichtes Mädchen”

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Hat es Nachteile für die Plattenfirmen, wenn sie kostenlose Samples ihrer Angebote online anbieten? VNU-Kommentator Guy Kewney geht das ernsthafte Thema mit derbem britischem Humor an.

Horizontales Musikgeschäft?

Prostitution in der IT-Branche?

Prostitution war neulich wieder einmal das Thema – ich denke also, dass eine gedankliche Assoziation verzeihlich ist: Das Musikgeschäft verglichen mit dem horizontalen Gewerbe. Aber diese Assoziation kommt irgendiwe automatisch, wenn die Musikindustrie-Manager oder Anwälte mal wieder versuchen, mit pseudo-cleveren Sprüchen von sich reden zu machen. Es geht um Plattenfirmen, die kostenlose Musik-Tracks verteilen, wenn sie beabsichtigen, diese zu verkaufen – diese Verteilung gleichzeitig aber anderen verbieten wollen.

Eine frühere Möglichkeit, Musik zu weiterzugeben, waren die Piratensender. Die Kids haben sie in den 60ern gehört und wenn eine Plattenfirma wollte, dass ein neuer Titel seine Hörer fand, gaben sie einfach die Platte dem DJ des Piratensenders und der hat sie dann gespielt.

Jeder konnte das mitschneiden, obwohl die Copyright-Bestimmungen verwirrend waren. Und um heute eine Werbeaktion zu starten, besteht das Äquivalent darin, einigen Webseiten eine kostenlose MP3-Version des Titels zur Verfügung zu stellen. Theoretisch.


Doppelmoral bei MP3

Prostitution in der IT-Branche?

Wie ich bereits an anderer Stelle bemerkt habe, gibt es mittlerweile eine logische Unvereinbarkeit, wenn Firmen einerseits MP3s an kommerzielle Webseiten weitergeben und andererseits ins Mittelalter zurückfallen, wenn es darum geht, dass die Leute das Material auf CDs aufnehmen und verkaufen.

Die Webseiten tendieren in Wirklichkeit dazu, für die Downloads Gebühren zu erheben. Im Allgemeinen bekommt man fünf Titel kostenlos (sehr langsam) und dann muss man zahlen.

Wie kann man zwischen Diebstahl des Urheberrechts und rechtmäßiger Werbung in diesem Fall unterscheiden? Ich glaube, dass der Präzedenzfall, der hierbei (vielleicht) hilfreich sein könnte, die Frage ist: Kann eine Prostituierte vergewaltigt werden?

Das ist ganz offensichtlich möglich, aber es könnte für sie schwer werden, das auch zu beweisen und rechtlichen Schutz zu bekommen. In ähnlicher Weise bedeutet die Tatsache, dass eine Plattenfirma ein Lied an Leute gibt wie Radio Caroline (einer der bedeutendsten Piratensender des letzten Jahrhunderts, heute wird über Satellit und Internet ausgestrahlt) oder Kofi’s Hat (Eine Webseite mit MP3s, Musikneuheiten, -besprechungen und ein bisschen Popkultur) nicht, dass die gleiche Plattenfirma nicht das Recht hat, den Absatz zu begrenzen.


Technologie, nicht Ethik!

Prostitution in der IT-Branche?

Gibt es da aber nicht auch eine Kehrseite der Medaille? Wenn ich RapidShare (den weltweit größten 1-Klick-Webhoster) erlaube, dass sie von den Besuchern der Seite für Downloads Gebühren verlangen, bewege ich mich doch wohl auf sehr wackligem Grund, wenn ich dann Leute als Ganoven an den Pranger stelle, die Geld für eine CD-Kopie verlangen.

Es ist eine Frage der Technologie, nicht der Ethik. Es gibt eine Menge Leute, die die Lieder kostenlos hören dürfen und einfach über kein Breitband verfügen. Wenn es mich Zeit und Geld kostet, für meinen Cousin eine CD zu basteln, habe ich doch wohl das Recht, das Geld zur Deckung meiner Kosten einzufordern? Zumindest das Porto, den Preis der CD und die Mühen, die ich aufwende, um als Werbevertreter für Domino Records (ein großes Britisches Independent Label) zu agieren – warum sollte von mir erwartet werden, das einer Firma zu spenden, die plant, mit einem Top-10-Hit ein Vermögen zu machen?