AOLs englische Werbekampagne soll Gemüter erregen
Ist das Internet gut oder schlecht?

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Die neue Werbekampagne von AOL könnte eine interessante Debatte darüber auslösen, in welcher Form das Web genutzt wird.

Die böse Welt des Netzes

AOLs englische Werbekampagne soll Gemüter erregen

Irgendwo im Nebel des Neujahrstages sah ich einen ziemlich seltsamen Fernsehwerbespot. In der Reklamesendung schien der Schauspieler John Hurt mit dem ihm möglichen Höchstmaß an Angst einflößender Sprechweise den Zuschauern suggerieren zu wollen, dass das Internet in meinem Hause so willkommen sein sollte wie ein betrunkener dreibeiniger Elefant, der auf Blutrache gegen die sorgfältig aufgereihten Star-Wars-Figuren im Wohnzimmerregal aus ist.

Laut dieser Werbung werden all die Verbrechen, wie der Diebstahl von personenbezogenen Daten, ganz normaler Diebstahl, Menschenhandel und Pornografie, durch die verdammte Heirat dieser Telefonkabel mit dem summenden schwarzen Kästchen in der Ecke erst möglich gemacht.

Welch Überraschung – wenn man bedenkt, dass ich immer geglaubt habe, es wären Elfen!

Nachdem all diese Probleme eindrucksvoll präsentiert worden sind, wartete diese Werbung mit der Frage auf: “Einige Menschen glauben, dass das Internet eine schlechte Sache ist. Was meinen Sie?”. Nun, ich hatte bereits einen Besen neben meinen Monitor gestellt und war gerade dabei, den Router immer wieder gegen eine Ziegelwand zu donnern. Ist ja böse, oder?


Das “gute” Internet?

AOLs englische Werbekampagne soll Gemüter erregen

Als ich später aus meinem Wahn erwachte und mich von Kabeln und Plastikteilen umgeben wiederfand, setzte ich mich in aller Ruhe hin, sammelte meine Gedanken und las die Zeitung. Hier entdeckte ich die Quelle meines Technik-Terrors – unglaublich aber wahr: Die Panikmache war Inhalt einer Werbung von AOL und nicht, wie ich vermutet hatte, von zerstörerischen Technikfeinden.

Firmen, die Millionen dafür ausgegeben haben, um sowohl Verbraucher als auch Unternehmen Glauben zu machen, dass das Internet so sicher sei wie Häuser sollten sich jedoch nicht allzu sehr ärgern. Um die Dinge im rechten Lot zu behalten, zeigt AOL auch eine “gute” Version der Werbung. Hier werden all die “guten” Dinge des Internets diskutiert – als da wären die Förderung der Rede- und Diskussionsfreiheit und hmmmm…, vielleicht Pornografie.

Der Werbespot erklärt, dass nach dem asiatischen Tsunami letztes Jahr mehr Geld von Einzelpersonen über das Internet gespendet worden sei als von der Regierungen in der ganzen Welt. Auch könne das Internet zur Aufbewahrung von wertvollen Dokumenten verwendet werden, und außerdem ist es wohl der einzige Ort, wo die Redefreiheit garantiert sei.


Orwell lag daneben!

AOLs englische Werbekampagne soll Gemüter erregen

Die Werbung endet mit den Worten: “Orwell hatte nicht recht. Es ist nicht der Staat, der alle Macht in Händen hält sondern wir”, und schickt die Zuschauer dann auf die entsprechende Webseite und die Diskussionsseiten, wo man abstimmen kann, ob das Internet nun eine gute oder schlechte Sache ist.

Als ich den Artikel schrieb, lag “gute Sache” mit 79 % der Stimmen vorn, während “schlechte Sache” nur 21% verbuchte. Aber das ist erst der Anfang. Keiner im Büro würde zugeben, dass er sich die Werbung anschaut, aber AOL beabsichtigt bis zu rund 22 Millionen Euro für seine “Diskutieren Sie mit”-Kampagne in den nächsten drei Monaten auszugeben – größeres Interesse ist also zu erwarten.

Und wenn diese Kampagne eine vernünftige Diskussion auslösen kann, wie, wo und warum dem Internet eine Zensur auferlegt werden kann oder wie Firmen und Einzelpersonen sich gegen Diebstahl absichern können, dann wird dies eine Übung sein, die durchaus Erfolg versprechend ist.