Freie Bahn für Schwarzseher
Cracker sehen Premiere wieder kostenlos

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Eine angeblich perfekte Verschlüsselung sollte dem deutschen Pay-TV-Anbieter Premiere Sicherheit vor Schwarzsehern bieten. Doch Cracker zeigen mal wieder, dass keine Verschlüsselung vor ihnen sicher ist.

Kampf gegen Cracker

Freie Bahn für Schwarzseher

Premiere-Chef Georg Kofler dürfte derzeit schlaflose Nächte haben. Nicht nur wegen der verpassten Bundesliga-Rechte (siehe Grafik des Börsenkurses unten). Schlimmer noch: Das Verschlüsselungssystem Nagravision der Kudelski Group ist geknackt und Schwarzseher haben wieder freie Bahn. Dabei hatte der Pay-TV-Spezialist das System als unknackbar propagiert und von einer »einbruchssicheren Panzerverglasung« geschwärmt.

Im Kampf gegen Cracker, der vor knapp zwei Jahren mit einem teueren Wechsel des Verschlüsselungssystems und dem Tausch aller Chipkarten eingeläutet wurde, hat Premiere so einen herben Rückschlag erlitten. Der neue Angriff erinnert an die Crack-Krise 2003. Damals sahen über eine Million Schwarzseher mit billigen Chipkarten und einer Software kostenlos alle Programme.


Leichtes Spiel für Schwarzseher

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Was in den letzten zwei Jahren oft mit Software versucht wurde, aber nie gelang, ist plötzlich ganz einfach. Der Cracker benötigt nur eine einfache Chipkarte und eine Datei aus dem Internet. Das Besondere an der so genannten Cerebro-Karte ist nicht die Hardware, sondern das Betriebsystem (OS). Technisch unterscheidet sie sich nicht von gängigen und völlig legalen Chipkarten. Die Karte arbeitet mit dem Atmel-AT90SC6464C-Prozessor mit RISC-Architektur. Die Kapazität für das EEPROM und den Flash-Speicher beträgt jeweils 64KByte, der Arbeitsspeicher ist 3 KByte groß. Das hochspezialisierte Betriebssystem läuft verschlüsselt auf dem Prozessor und macht die Karte zu einer Cerebro.

Die Verschlüsselung auf den Karten ist ironischerweise so sicher, dass es selbst für die Techniker von Premiere unmöglich ist, das gecrackte Betriebssystem auszulesen. Genau das wäre aber nötig. Denn nur so könnte die Lücke im System aufgespürt und geschlossen werden. Das ist bitter für den Pay-TV-Pionier: Premiere wird mit den eigenen Waffen geschlagen. Offizielle Stellungnahmen gibt es zum Redaktionsschluss noch keine.


Gegenmaßnahmen von Premiere

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Ein Tausch der Chipkarten bei allen Abonnenten wäre zwar sehr aufwändig, würde Premiere aber nicht viel kosten. Dafür soll laut Insider-Informationen eine vertragliche Vereinbarung zwischen Premiere und der Kudelski Group sorgen. Demnach wäre der Verschlüsselungs-Spezialist verpflichtet, die Karten auf eigene Kosten zu tauschen, wenn das System ausgehebelt wird.

Die Cerebro-Karte ist in Deutschland im Moment noch verboten, weil sie lediglich dem illegalen Decodieren von Pay-TV-Inhalten dient und es keine legale Anwendung gibt. Allein der Kauf der Karte wird hierzulande also schon als Vergehen geahndet. Doch Programmierer arbeiten bereits daran, diverse Alibi-Programme zu schreiben. Wenn diese auf den Markt kommen, wären Besitz und Vertrieb der Cerebro-Karten möglicherweise wieder erlaubt. Hinweise aus der Piraterieszene besagen, dass eine erste seriöse und legale Anwendung bereits Anfang 2006 fertig sein könnte.


Decodieren in jedem Fall illegal

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Möchtegern-Schwarzseher, die darauf hoffen, dass eine legale Cerebro-Karte ihnen zum kostenlosen, hochauflösenden Genuss der Fußball-WM auf Premiere verhilft, liegen allerdings falsch. Denn das Decodieren von Pay-TV-Inhalten ist in jedem Fall verboten und wird mit hohen Geldstrafen geahndet. Die Rechtssituation ist momentan noch gefährlicher: Nur für den Besitz der Karte droht eine Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro. Wer die Karte vertreibt und erwischt wird, kann bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe kassieren. Die Staatsanwaltschaft München I ist nach einer Anzeige von Premiere auch schon aktiv geworden. In Zusammenarbeit mit der Polizei startete sie eine bundesweite Razzia bei 20 Händlern. Dabei wurden Sat-Komponenten, Cerebro-Karten und Geschäftsdokumente beschlagnahmt.

Auch Kundenlisten fielen den Beamten in die Hände. Angeblich sollen schon 5000 Karten in Deutschland ausgeliefert worden sein, bis Premiere und die Staatsanwaltschaft reagierten. Im EU-Ausland läuft das Geschäft mit den Karten aber unvermindert weiter und die im Einkauf nicht mal fünf Euro teuren Smartcards werden kombiniert mit dem Cerebro-Betriebssystem auch direkt nach Deutschland geliefert für knapp 100 Euro und somit mit saftigem Aufschlag.

Ein anderes Loch im Premiere-Schutz ist Experten schon seit geraumer Zeit bekannt. Findige Schwarzseher installieren Linux auf D-Boxen und bauen damit ein Netzwerk von Digitalreceivern auf. So können diese mit nur einer original Abo-Karte im Heimnetz oder übers Internet mit beliebig vielen Boxen Pay-TV sehen. Allerdings muss einer im Netzwerk seine Abo-Karte für den Linux-Trick zur Verfügung stellen. Ein riskantes Unterfangen: Spürt Premiere den Verbund auf, so ist es leicht, die Person, deren Karte benutzt wird, zu ermitteln und rechtlich zu verfolgen.