Lebenslauf einer Raupkopie
1000 Kopien pro Tag

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Filme, die noch gar nicht im Kino laufen, sündteure Software und brandaktuelle Alben: Alles gibt es in Tauschbörsen. Doch die sind nur das Ende der Warez-Kette.

Preview-Versionen

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Kannst Du mir »X-Men 2« vielleicht mitgeben?«, fragte Russel seinen Freund Carmine. »Klar«, antwortete dieser schließlich weiß er doch, wie sehr Russel Filme mag. Als Mitglied der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, der Organisation also, die für die Oscar-Verleihung zuständig ist (www.oscar.com), erhielt der Schauspieler Carmine Caridi regelmäßig Preview-Versionen von Kinofilmen zugestellt. Fast 200 Kopien hat der 71-Jährige seinem Freund Russel William Sprague innerhalb von ungefähr drei Jahren ausgehändigt. Ohne schlechtes Gewissen, denn Russel war für ihn einfach ein »film buff« ein echter Fan eben.


600 000 US-Dollar Strafe

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Eine Wasserzeichentechnik hat Sprague letztlich überführt. Denn davon, dass dieser die Filme kopierte und ins Internet stellte, ahnte Caridi nichts. Technicolor hatte Produktionen wie »Samurai«, »Mystic River« und »Master and Commander« mit unsichtbaren Fingerspuren versehen. Auf diese Weise ließ sich zurückverfolgen, wer das Original der Kopie im Internet bekommen und weitergegeben haben muss. Bei der Vernehmung durch die US-Bundespolizei FBI gab Caridi, der unter anderem in »Der Pate III« und der TV-Serie »NYPD Blue« mitwirkte, zu Protokoll, dass er die Filme deswegen an Sprague weitergegeben habe, weil er ihn für einen absoluten Cineasten hielt. Geld habe er keines erhalten, über die Auswirkungen sei er sich nicht im Klaren gewesen. Jedoch: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Carini wurde im November letzten Jahres zu einer Strafe von 600 000 US-Dollar verurteilt. Zudem ging er in die Hollywood-Geschichte ein als erstes Mitglied der Oscar-Jury, das aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ausgeschlossen wurde. Sein »Kompagnon« wird nicht so glimpflich davonkommen; ihn erwartet eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.


Tauschbörsen

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Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Kinofilme, noch gar nicht im Laden erhältliche Alben, topaktuelle Games und teure Software in Tauschbörsen auftauchen. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich diese Raubkopien weltweit verbreiten, drängt sich der Gedanke auf, dass die einschlägig bekannten Tauschbörsen von allen Webpiraten als Transportmedium genutzt werden. Doch das ist ein Trugschluss. Das genaue Gegenteil ist der Fall, denn Peer-to-Peer-Plattformen wie BitTorrent, eMule, eDonkey und Co. stellen vielmehr das Ende der Warez-Nahrungskette dar.

Dubiose Quellen
Nicht jeder weiß, dass im Internet zum Download angebotene Raubkopien in den seltensten Fällen aus dubiosen Quellen stammen. Wer diesen scheinbaren Widerspruch verstehen will, muss sich einfach nur den Werdegang eines neuen Produktes vor Augen führen: Anwendungssoftware, PC- und Konsolenspiele, Musik und Kinofilme gehen vor dem eigentlichen Verkaufsstart fast immer durch die unzähligen Hände folgender Instanzen: Mitarbeiter des Herstellers, PR-Agenturen, Redaktionen, Presswerk und schließlich Großhandel.


Kopie der Betaversion

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Und überall gibt es den einen oder anderen unzufriedenen oder gelangweilten Angestellten, der eine Kopie der Betaversion, des Presseexemplars, des Golden Masters oder der Promoversion zieht und das Duplikat über mehr oder weniger verschlungene Wege an jemanden weitergibt, der Mitglied eines Raubkopiererrings ist.
Eines der bekanntesten Beispiele stellt der »Fall Lightning Dubbs« dar. Der Name leitet sich von einem in Hollywood ansässigen Unternehmen her, das sich auf Post-Production von Kinofilmen spezialisiert hat. Über einen längeren Zeitraum kopierten drei Mitarbeiter Blockbuster und gaben die Duplikate an Freunde und Bekannte weiter. Auf diese Weise gelangten qualitativ hochwertige Fassungen von Kinofilmen wie »Kill Bill Vol. I«, »Tricks« und »Die Passion Christi« lange vor dem offiziellen Start in Umlauf.


Presse-DVDs

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Weil die Filmstudios unter massiven Umsatzeinbußen leiden, nehmen Kinofilme eine Sonderstellung ein, denn hier gelten wesentlich strengere Regeln. Anstatt Preview-Versionen kommender Attraktionen in Form von Presse-DVDs weiterzugeben, laden die Produktionsfirmen lieber zur Vorführung in gemieteten Kinosälen ein. Metalldetektoren säumen den Eingang und alle eingeladenen Personen, darunter Journalisten und Mitarbeiter des Filmverleihers, müssen ihre Handys abgeben; im Kinosaal patrouillieren Aufpasser, die teilweise sogar mit Nachtsichtgeräten gerüstet sind. All diese Maßnahmen sollen verhindern, dass die Filme noch vor der offiziellen Premiere im Web zu haben sind.
Ähnliche Fälle gibt es aber auch bei Musik, Software (die 64-Bit-Edition von Windows XP Professional gab es bereits Wochen vor dem Release zum Download) und natürlich bei PC- und Videospielen. Weder die bei Audio-CDs, PC- und Konsolengames zum Einsatz kommenden Kopierschutzverfahren noch die bei Software immer häufiger anzutreffenden Zwangsregistrierungen beugen der unrechtmäßigen Verbreitung vor.


Release Groups

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Der Schaden ist gewaltig: Laut Business Software Alliance (BSA, www.bsa.de), dem internationalen Dachverband der Softwareindustrie, dem unter anderem Adobe, Apple und Microsoft angehören, handelt es sich bei 40 Prozent der weltweit eingesetzten Software um so genannte Raubkopien. In Deutschland beträgt der Anteil der unlizenzierten Software immerhin noch 29 Prozent. Der BSA zufolge hat das im Jahr 2004 einen Schaden von 1,84 Milliarden Euro verursacht.

Verbreitung von Raubkopien
Maßgeblich verantwortlich für die Verbreitung von Raubkopien jeglicher Art sind die so genannten Release Groups. Die einzelnen Mitglieder solcher Gruppen kennen sich in den seltensten Fällen persönlich die komplette Kommunikation wird über das Internet abgewickelt. Wie international die Szene ist, hat sich nach der Zerschlagung der Gruppe Drink or Die gezeigt: In insgesamt zwölf Ländern, darunter in Australien, Großbritannien und den USA, konnten die Strafverfolgungsbehörden mehrere dutzend Mitglieder identifizieren. Aber auch hierzulande gibt es eine ganze Reihe von Release Groups, beispielsweise The Bitter End und Silentgate. Die Mehrheit davon hat sich der Verbreitung von Kinofilmen verschrieben. Gruppen wie German DVD Crew (GDC), Team IND und GTR veröffentlichen fast schon im Tagesrhythmus neue DVD-Rips, Screener und Telesyncs (siehe Kasten »Sprechen Sie H4x0r?«).


Ruhm vs. Geld

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Finanzielle Interessen verfolgen solche Gruppen in den seltensten Fällen. Vielmehr sehen sich die meisten Mitglieder selbst als eine Art digitaler Robin Hoods, die urheberrechtlich geschützte Produkte der breiten Masse unentgeltlich zur Verfügung stellen.
Die zweite wesentlich wichtigere Triebfeder ist der Ruhm. Ist eine Release-Gruppe wie beispielsweise die teilweise seit mehreren Jahren in der Szene bekannten Deviance, Hoodlum oder Reloaded einmal im Besitz einer brandneuen Software, beginnt das Rennen gegen die Uhr. Denn da diese Raubkopien-Publisher ihren Job ausschließlich aus Gründen der Anerkennung verrichten, mehrt die erstmalige Veröffentlichung eines brandneuen Produkts das Ansehen innerhalb der Szene. Dieser Konkurrenzkampf geht sogar so weit, dass ein bereits auf den Share-Seiten veröffentlichtes Produkt als tabu gilt und von keiner zweiten Crew mehr auf den grauen Markt gebracht wird es sei denn, die erste Version weist schwer wiegende Mängel auf.


Games & Cracks

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Das Echtzeitstrategiespiel »Imperial Glory« war zum Beispiel so ein Fall, bei dem die erste Veröffentlichung vom 28. Mai gleich etliche Fehler aufwies und prompt zwei Tage später von einer als »proper« bezeic
hneten, fehlerfreien Version ersetzt wurde. Raubkopien des Kinofilms »Fantastic Four« wurden zwischen dem 15. und 19. Juli sogar von vier unterschiedlichen Gruppen veröffentlicht. In den dazugehörigen NFO-Dateien machen sich die Raubkopierer zudem oft über die schlechten Konkurrenz-Releases lustig.
Die ersten Schritte bei der Verbreitung von Raubkopien verlaufen immer nach dem gleichen Schema: Zunächst gilt es, die heiße Ware zu cracken, um einen eventuellen Kopierschutz auszuhebeln. Gegebenenfalls ist auch noch eine Seriennummer zu generieren. Gleichzeitig sind andere Mitglieder der Gruppe damit beschäftigt, die Infodatei (die man an der Dateierweiterung NFO erkennt)
zu designen. Hierbei handelt es sich um eine reine Textdatei im Ascii-Format, in der das Logo der Gruppe, Informationen zum Produkt und eventuelle Hinweise zur Installation zusammengefasst sind.

Testen des Cracks
Anschließend wird die Funktionalität des Cracks auf mehreren Systemen getestet und bei positivem Ergebnis werden Programmdaten, Crack respektive Keygen und NFO-Datei zu einem ISO-Abbild (meist ein CDRWin-Image der Form BIN und CUE) zusammengefasst. Diese 1:1-Kopie stückeln die Raubkopierer anschließend in 15 MByte große RAR-Dateien auf, deren Konsistenz sie mit einem Werkzeug wie Win SFV prüfen. Im letzten Schritt laden sie dann die einzelnen Dateien eines Releases zusammen mit einer Kopie der NFO-Datei und dem Protokoll-File der Integritätsüberprüfung auf einen FTP-Server hoch. Handelt es sich bei der Raubkopie um ein DVD-Image, sind die Einzelteile exakt 50 MByte groß.


Verteilung

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Die weltweite Distribution verläuft nach dem altbekannten Schneeballprinzip. Ein Mitglied (der so genannte Courier) einer Release Group, das über eine besonders schnelle Internet-Anbindung verfügt (10 MBit und mehr), legt die einzelnen Dateien eines Releases auf einem FTP-Server ab, der in Fachkreisen als Dump bezeichnet wird (auf Deutsch: Müllhalde, Lager, Depot). Das wichtigste Merkmal eines solchen Servers ist die Verbindungsgeschwindigkeit, weswegen vor allem gehackte Rechner von Internet-Dienstleistern, US-Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen genutzt werden.
Der zweite und gleichzeitig letzte Schritt, an dem die Release-Gruppe beteiligt ist, dreht sich um die Bekanntmachung, welches Produkt wo abgelegt ist. Hier reicht eine kurze E-Mail an die Betreiber der wichtigsten FXP-Boards aus, um die Lawine ins Rollen zu bringen. Denn von diesem Zeitpunkt an verbreitet sich die Raubkopie wie ein Lauffeuer durch die Welt der Insider.


Informationsseiten

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Die NFO-Datei eines neuen Releases wird sofort an einen Infodienst weitergeleitet, der die Datei in Textform veröffentlicht. Die bekanntesten Informationsseiten sind Isonews (www.theisonews.com) mit täglich aktualisierten NFO-Dateien von Applikationen, PC- und Konsolenspielen und Videos sowie VCD Quality (www.vcdquality.com), eine Site, die sich in erster Linie auf Kino- und DVD-Filme konzentriert. Anschließend machen sich die Mitglieder der FXP-Boards auf die Suche nach weiteren FTP-Servern, auf denen sie die Kopie unterbringen können. Bei diesem auch als Pub-Scanning bezeichneten Verfahren, wird vereinfacht ausgedrückt von einer beliebigen IP-Adresse ausgehend ein bestimmter IP-Bereich angepingt, um auf diese Weise offene FTP-Server zu finden.


Verteilerkette

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Das Ende der Verteilerkette kann die Kopie auf zwei Arten erreichen. Bei der traditionellen Methode wird sie vom ursprünglichen Dump heruntergeladen und auf weitere FTP-Server wieder hochgeladen. Da dies aber sehr Zeit raubend ist, nutzen Profis die nahezu unbekannte Serverfunktion FXP (File Exchange Protocol). Der Clou daran: Der Datenaustausch erfolgt direkt zwischen zwei FTP-Servern; das Tempo der Datenübertragung hängt also nur von den jeweiligen Internet-Anbindungen ab. Wurden die Daten erfolgreich verschoben, werden die Angaben (Adresse, Verzeichnis und Inhalt) in den einschlägigen Boards gepostet. Die Mitglieder lesen diese Nachrichten, laden die Daten herunter oder verschieben sie erneut, um anschließend die neuen Warez-Server in weiteren Boards zu veröffentlichen.

Schnee von gestern
Der einzige Grund, warum diese Kette nicht unendlich lang ist, hängt mit der Geschwindigkeit der Release Groups zusammen, die nahezu täglich neue Produkte veröffentlichen. Und gerade in Kreisen der Raubkopierer gilt die Faustregel, nach der nichts so unsexy ist wie ein Tage altes Produkt.


Kuckuckseier & Server

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Ein solches Kuckucksei liegt so lange unentdeckt auf dem Server, bis der Administrator hellhörig wird. Gute Admins bemerken die rasante Zunahme anonymer Zugriffe binnen kürzester Zeit, gehen der Sache auf den Grund und löschen die unrechtmäßig abgelegten Dateien. Gehen die Verwalter ihrem Job aber nur halbherzig nach, steigt die Lebensdauer stark an. Im Extremfall wird ein einmal gefüllter Pub sogar mehrmals verwendet (in der Warezsprache »recycled«), bevor dem Betreiber die gestiegenen Zugriffszahlen auffallen.
Um richtig schnelle Ablagen über mehrere Tage oder sogar Wochen nutzen zu können, sind immer mehr Mitglieder von FXP-Gruppen dazu übergegangen, Server richtiggehend zu hacken. Dabei führen sie in den meisten Fällen entweder Brute-Force-Attacken durch, bei der das Passwort mithilfe spezieller Hilfsmittel quasi erraten wird. Oft werden aber auch Nachlässigkeit oder Bequemlichkeit des Administrators ausgenutzt, der sich bei der Einrichtung für die von der Software im Auslieferungszustand vorgegebene Kombination aus Benutzernamen und Kennwort entscheidet.

Identität
Für weniger versierte Anwender können solche Server übrigens gefährlich werden, da die Identität der Besucher nicht geheim bleibt. Alle Zugriffe inklusive der jeweiligen IP-Adresse werden im Log mitgeschrieben. Erst nachdem die Raubkopien auf diese Weise weltweite Verbreitung gefunden haben, tauchen Software, PC-Spiele und Kinofilme auch in den einschlägig bekannten Tauschbörsen auf. Und unter Umständen eben mit einem Wasserzeichen wie dem, das Carinis Oscar-Genick gebrochen hat.


Vokabular

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Sprechen Sie h4x0r?
Wie jede andere Subkultur setzt auch die Raubkopiererszene auf ein ganz spezielles Vokabular, das von Außenstehenden kaum zu verstehen ist:

Cam
Mit einer Videokamera direkt im Kino gemachte Aufnahmen von der Leinwand bezeichnet man als Cam. Wie bei einem Mikrofon hängt die Qualität des Ergebnisses von den Umständen ab, unter anderem vom Sitzplatz des Abfilmers und der Nutzung eines Stativs.

Izo
Eine Izo-Datei ist ein 1:1-Abbild eines Datenträgers, etwa eines PC-Spiels oder eines Anwendungsprogramms. Nahezu alle Raubkopien kommerzieller Softwareprodukte und Games werden im Internet als Izos zur Verfügung gestellt.

Keygen
Ein Keygen (kurz für Key Generator) generiert Seriennummern für eine bestimmte Software.

Mic
Abkürzung für Microphone. Sie zeigt an, dass die Tonspur mit dem Mikrofon aufgenommen wurde. Die Qualität kann von grottenschlecht (lachende Zuschauer) bis zufrieden stellend reichen.

Proper
Hat eine Release Group eine fehlerbehaftete Raubkopie veröffentlicht, kann das Produkt von einer anderen neu und funktionsfähig released werden.

Rip
Bezeichnet in der Warez-Sprache eine Raubkopie, aus der unwichtige Bestandteile, beispielsweise Videos, Musik und Tutorials, entfernt wurden, um die Dateigröße deutlich zu verringern.

Screener
Frei übersetzt handelt es sich bei Screenern um spezielle Preview-Versionen von Kinofilmen, etwa für die Presse oder Mitglieder der Oscar-Jury. Bei diesen qualitativ meist hochwertigen Kopien ist oft ein Zähler oder ein Copyright-Hinweis eingeblendet.
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Eine Person, die den Release Groups noch nicht im Handel erhältliche Software, PC- und Videospiele sowie Screener zukommen lässt.

Telecine (TC)
Bei dieser Variante wird der Film direkt am Projektor mitgeschnitten.

Telsesync (TS)
Wie unter »Cams«, aber bei leerem Kinosaal. Die Kamera steht auf einem Stativ, so dass die Bildqualität ein wenig besser ist.