Behörde contra Voice over IP
Telefonie-Zoff um Bits und Bündel

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Verpassen wir den Anschluss? Die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post behindert die schnelle Ausbreitung der Internet-Telefonie, sagt EU-Kommissarin Viviane Reding.

Restriktiv

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Keine andere Regulierungsbehörde in Europa sei derart konservativ und restriktiv wie die deutsche, klagte Viviane Reding, EU-Kommissarin für Informationsgesellschaft und Medien im Interview mit dem Handelsblatt. Kein gutes Zeugnis für die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) und ihren Präsidenten Matthias Kurth.

Eigentlich soll die Bonner Behörde für frischen Wind auf dem Telekommunikationsmarkt sorgen und das Monopol der einstigen Deutschen Bundespost brechen. Die Internet-Telefonie alias Voice over IP käme da gerade recht. Kurth jedoch untersagte vergangenes Jahr den VoIP-Anbietern, Kunden beliebige Ortsvorwahlen unabhängig von deren tatsächlichem Wohnort anzubieten. Gerade mit diesen frei wählbaren Wunschnummern hatten Anbieter wie Sipgate und Nikotel viele Kunden angelockt.

Die RegTP argumentierte hingegen, dass diese Praxis nur die begrenzt bereitstehenden Rufnummernkontingente der jeweiligen Ortsnetze verbrauchen. Und sie verfügte: Spätestens im August sind alle Berliner mit Münchner Vorwahl und ähnliche Zwitterwesen Geschichte. Immerhin dürfen die VoIP-Anbieter weiterhin Ortsvorwahlen vergeben, aber nur noch für den Ort, an dem der Kunde tatsächlich wohnt. Außerdem hat die RegTP als Ersatz überregionale 032-Rufnummern angekündigt, die VoIP-Kunden bislang jedoch nicht gebrauchen können.

Bild: EU-Kommisarin Viviane Reding


Zwangsbündelung

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Wenig Freunde macht sich Kurth auch mit der Gemächlichkeit, mit der er das Thema Zwangsbündelung angeht. VoIP-Nutzer und -Anbieter beschweren sich seit langem, dass die Deutsche Telekom Festnetz- und DSL-Anschluss nur im Paket anbietet anders als das etwa in Belgien oder Finnland üblich ist. Deutsche VoIP-Kunden zahlen so die Grundgebühr für einen Festnetzanschluss, den sie womöglich gar nicht brauchen. »Wir werden sehr sorgfältig untersuchen, ob die Entbündelung notwendig ist«, verlautet seit mehreren Monaten aus der RegTP. Was für die einen deutsche Gründlichkeit ist, sehen die anderen, vor allem die VoIP-Anbieter, eher als Beweis für die mangelnde Unabhängigkeit der Regulierungsstelle. Der Tenor einiger Kritiker ist deutlich: Das komme eben dabei heraus, wenn eine staatliche Behörde ein Unternehmen kontrolliere, das sich großteils noch immer in Staatsbesitz befinde.
Fakt ist zumindst: Ohne Druck von Seiten der RegTP wird die Telekom kaum einlenken. Immerhin ist langfristig ihr Stammgeschäft bedroht, die Festnetztelefonie. »In Deutschland ist keine Entbündelung notwendig« so formuliert das Telekom-Sprecher Mark Nierwetberg.

Problem Notruf
Das Thema Notruf bleibt vorerst ein echter Schwachpunkt der Internet-Telefonie. Beim Festnetzanschluss werden die Notrufe 110 und 112 einfach an die nächstgelegene Rettungszentrale geleitet. Dagegen ist bei VoIP-Anschlüssen ohne Ortsvorwahl der Standort des Anrufers bislang unbekannt.
Solchen Schwierigkeiten zum Trotz will EU-Kommissarin Reding zumindest noch bis 2006 die Internet-Telefonie von allen Regulierungen verschonen und stattdessen die Entwicklung der Märkte beobachten. So handhaben das auch schon die Behörden in einigen anderen europäischen Ländern, allen voran die britische Ofcom. Sie orientieren sich damit an der amerikanischen FCC, die sich wiederholt gegen eine Regulierung der Internet-Telefonie ausgesprochen hat.


Umstellungen

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Während die Politik noch streitet, haben sich die Unternehmen längst entschieden: Bis 2006 werden zwei Drittel der weltweit größten Firmen ganz oder teilweise auf VoIP umsteigen, besagt eine Studie der Unternehmensberatung Deloitte. Eine große deutsche Elektrokette spart seit dem Umstieg die Hälfte der Telefonkosten ein die Filialen telefonieren untereinander kostenlos und die Infrastruktur ist einfacher zu warten. Selbst die Deutsche Telekom und andere europäische Telefongesellschaften werden ihre Netze intern vollständig auf die IP-Technik umstellen. Insgesamt soll sich die Zahl der deutschen VoIP-Nutzer, derzeit rund eine halbe Million, noch in diesem Jahr verdoppeln. Europaweit telefonieren momentan 2,5 Millionen Menschen übers Internet, besagt eine Studie des Marktforschungsinstituts IDC; bis 2007 werden es an die 15 Millionen sein.

Spit = Spam beim Telefonieren
Die Kehrseite der Medaille: Gewisse unangenehme Seiten des Internets bekommen wir womöglich bald auch beim Telefonieren zu spüren. Streikt der DSL-Abschluss, bleibt auch das Telefon stumm. Das Gleiche gilt, wenn ein Virus die Verbindung lahm legt. Das bei weitem gravierendeste Problem dürfte jedoch Spit darstellen, Spam over Internet Telephony: Innerhalb weniger Sekunden lassen sich tausende aufgezeichneter Sprachnachrichten verschicken. Spit wird kommen, sobald sich VoIP auf breiter Basis durchgesetzt hat. Um Überregulierung braucht sich Viviane Reding dann keine Gedanken mehr zu machen, sondern im Gegenteil um Regeln, die dem Spit-Problem Einhalt gebieten. Denn auch sie dürfte den Umstieg auf VoIP bereuen, wenn nachts dauernd das Telefon klingelt und am anderen Ende Viagra-Werbung in gebrochenem Englisch lauert.


Interview mit Sipgate

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AVDC Vergangenes Jahr haben Sie die RegTP als »Bremser« ausgemacht. Hat sich die Situation gebessert?
THILO SALMON Die Entbündelung des Internet-Zugangs vom Festnetzanschluss steht noch immer aus. Wettbewerb wird damit massiv verhindert, die Bundesbürger müssen weiterhin ihre Festnetzgrundgebühr Monat für Monat entrichten. Nicht nur wir fordern deshalb seit geraumer Zeit eine zügige Abtrennung des Festnetzes. Zudem sind Festnetznummern bisher nicht portierbar. Hier besteht dringender Handlungsbedarf seitens der RegTP auch um Deutschland international nicht wieder ins Hintertreffen geraten zu lassen.

AVDC Kommt die Entbündelung von Festnetz- und DSL-Anschluss noch in diesem Jahr?
THILO SALMON Eine entsprechende Umsetzung durch die RegTP in diesem Jahr würde uns überraschen. Die Vergangenheit zeigt leider, dass Regulierung in Deutschland Zeit braucht.

AVDC Weshalb zögert die RegTP?
THILO SALMON Möglicherweise schätzt sie die Bedeutung und die Möglichkeiten von VoIP falsch ein. Negativbeispiel ist aktuell die Situation im DSL- und Kabel-Internet-Markt Deutschland ist hier Entwicklungsland. Ich hoffe jedoch, dass bei VoIP nicht wieder die gleichen Fehler gemacht werden. Allerdings stemmen sich natürlich die großen Carrier gegen eine schnelle Verbreitung von VoIP. So prognostiziert die Deutsche Telekom einen Umsatzrückgang im Festnetz in den nächsten zehn Jahren von 14 auf 6 Milliarden Euro.

Bild: Thilo Salmon: »Die RegTP muss dringend handeln.« Thilo Salmon ist Geschäftsführer der Indigo Networks GmbH. Das Unternehmen bietet unter der Marke Sipgate grundgebührfreie VoIP-Anschlüsse für Privatanwender an.


032-Nummern

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AVDC Die RegTP kann durchaus auch schnell handeln letztes Jahr wurde Ihnen kurzfristig untersagt, eine Wunsch-Ortsvorwahl anzubieten.
THILO SALMON Ja, doch wir haben auch wiederum kurzfristig reagiert: Seit Januar 2005 stellen wir unseren Kunden in tausend Ortsbereichen ihre Wohnortvorwahl kostenlos zur Verfügung.

AVDC Die neuen 032-Nummern haben Sie dagegen noch nicht im Programm.
THILO SALMON Wir haben sie bei der RegTP beantragt und erhalten. Sobald die Deutsche Telekom die Rufnummerngasse freischaltet und unsere Nutzer aus dem Festnetz erreichbar sind, werden wir die 032-Num
mern zur Verfügung stellen. Bis dahin ist unsere ortsunabhängige Vorwahl weiterhin die 0180-1.

AVDC Wie teuer wird ein Anruf bei 032-Nummern?
THILO SALMON Die genaue Preisbildung steht noch aus. Wir hoffen sehr, dass die 032 aus dem Festnetz zum Ortstarif erreichbar sein wird oder geringfügig darüber liegt.

AVDC Angenommen, Privatkunden könnten ab sofort den Festnetzanschluss kündigen. Was spricht für den kompletten Wechsel zu VoIP?
THILO SALMON VoIP hilft dem Kunden, seine Telefonkosten dauerhaft zu senken. Außerdem erhält er kostenlose Mehrwertdienste, die das Festnetz nicht bietet, bei uns zum Beispiel Anruflisten, kostenlose interne Gespräche, die Rechnungseinsicht in Echtzeit und die kostenlose Voice-Mail.

AVDC Bei E-Mail kamen mit dem Massenmarkt die Spam-Massen. Wie sieht es mit Spit aus?
THILO SALMON Das Thema Spit ist in Deutschland derzeit und auch künftig eher zu vernachlässigen. Im Gegensatz zur Spam-Problematik bei E-Mails ist der VoIP-Bereich im Netz nicht offen, sondern abgeschottet.


Sonderrufnummern

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AVDC Kann VoIP qualitativ wirklich mithalten? Wie stellen Sie sicher, dass keine Echos oder Aussetzer auftreten?
THILO SALMON Die Sprachqualität ist identisch zum Festnetz. Ausschlaggebend ist die Bandbreite des Internet-Zugangs beim Nutzer. Der durchschnittliche DSL-Upstream von 128 kBit/s reicht für eine exzellente Qualität aus.

AVDC
Ab wann können Ihre Kunden die Notrufnummern 110 und 112 nutzen?
THILO SALMON Die Notrufe 110 und 112 werden innerhalb der nächsten Wochen, nach Abschluss der Testphase, unseren Kunden bundesweit zur Verfügung stehen.

AVDC 0700er- und andere Sonderrufnummern sind bislang gesperrt. Das verhindert den kompletten Umstieg.
THILO SALMON Die Sonderrufnummern 0180-3 und 0180-5 sind bereits anwählbar. Die Vorwahl 0180-1 ist nur erreichbar, wenn es sich um die ortsunabhängige Sipgate-Rufnummer handelt. Wir werden den Zugang zu weiteren Sonderrufnummern im Laufe des Jahres sukzessive bereitstellen. Wichtig ist aber, dass die Sicherheit unserer Kunden gewährleistet bleibt.

AVDC Über VoIP ein Mobiltelefon anzurufen, kommt momentan teurer als über einen herkömmlichen, günstigen Call-by-Call-Anbieter.
THILO SALMON Wir haben bereits vor wenigen Monaten unseren Mobilfunktarif auf 19,90 Cent pro Minute gesenkt und schließen nicht aus, dass er in Zukunft noch günstiger wird. Wesentlich für uns bleiben aber dauerhafte Zuverlässigkeit und eine hohe Sprachqualität. Der günstigste verfügbare Einkaufspreis liegt bei rund 16 Cent pro Minute netto. Billigere Angebote gehen zu Lasten der Gesprächsqualität.


Interview RegTP

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AVDC Wann fällt die Bündelung von Festnetz- und DSL-Anschluss?
RUDOLF BOLL Rechtlich ist es derzeit nicht möglich, die Deutsche Telekom zu zwingen, dem Kunden ausschließlich einen DSL-Anschluss anzubieten. Die Frage der Entbündelung von DSL- und Telefonanschluss ist im Kontext des Marktdefinitions- und -analyseverfahrens zum Markt »Breitbandzugang für Großkunden« zu untersuchen. Dies ergibt sich so aus dem Telekommunikationsgesetz, das eine EU-Richtlinie in deutsches Recht umsetzt. Die Regulierungsbehörde hat am 6. April im Amtsblatt ihren Entwurf der Marktdefinition und Marktanalyse zur Konsultation gestellt. Die Frage der Einführung eines denkbaren Standalone-DSL-Bitstromproduktes ergibt sich dann im Rahmen einer eventuellen Regulierungsverfügung. Aus Sicht der RegTP ist entscheidend, dass in jedem Falle die Kosten der Teilnehmeranschlussleitung (TAL) gedeckt sein müssen.

AVDC Sie haben den VoIP-Anbietern untersagt, Kunden beliebige Ortsvorwahlen unabhängig von ihrem tatsächlichem Wohnort anzubieten. In anderen EU-Ländern ist diese Praxis gang und gäbe.
RUDOLF BOLL Die Struktur des deutschen Rufnummernraums im geografischen Bereich ist historisch gewachsen sehr komplex und in 5200 Ortsnetze unterteilt. Die Problematik bestand vor allem darin, dass manche Anbieter Rufnummern aus einem einzigen Ortsnetz Nutzern im gesamten Bundesgebiet zugeteilt hatten. Die Ortsnetzstruktur sieht eine Zehn- bis Elfstelligkeit vor, so dass Knappheiten bereits jetzt in einigen Ortsnetzen virulent sind. In anderen europäischen Ländern gibt es keine derart komplexe Ortsnetzstruktur.

AVDC Die Wunschvorwahlen kamen bei den Endkunden sehr gut an, Sie hatten jedoch die mangelnde Verbraucherfreundlichkeit kritisiert. Was stört Sie am Münchner mit Berliner Vorwahl?
RUDOLF BOLL Die Verbraucher gehen davon aus, dass der Inhaber einer Ortsnetzrufnummer seinen Sitz auch in diesem Ortsnetz hat. Dies kann für ihn auch bei der Auswahl eines Dienstleisters zum Tragen kommen.
Hier würde sich der Verbraucher getäuscht sehen, wenn die Anfahrt aus einer anderen Stadt notwendig ist, weil der Anbieter seinen Sitz nicht in dem Ort hat, dessen Ortsvorwahl er angibt.

Bild: Rudolf Boll: »Die RegTP bevorzugt niemanden.« Rudolf Boll ist Pressesprecher der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) in Bonn.


600.000 Rufnummern

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AVDC Werden die 032-Nummern akzeptiert?
RUDOLF BOLL Noch lassen sich keine Prognosen hinsichtlich der Annahme der 032er-Rufnummern treffen. Zum jetzigen Zeitpunkt sind rund 600 000 Rufnummern an 30 Unternehmen zugeteilt. Meines Wissens befinden sich die Anbieter nunmehr in Verhandlungen hinsichtlich der Zusammenschaltungen.

AVDC Ist zu befürchten, dass ein Anruf bei einer 032er-Nummer teurer werden könnte als ein normales Orts- oder Ferngespräch?
RUDOLF BOLL Zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht klar, wie die Preisgestaltung für diese Rufnummerngasse aussehen wird. Sollten sich die Netzbetreiber im Rahmen ihrer Zusammenschaltungsverhandlungen nicht über die Preise und Bedingungen bei 032er-Rufnummern einigen, könnte es zu einem diesbezüglichen Beschlusskammerverfahren bei der Regulierungsbehörde kommen.


Rahmenbedingungen

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AVDC Freenet-Chef Spoerr und Indigo-Networks-Geschäftsführer Salmon haben Ihrer Behörde vorgeworfen, den Wettbewerb eher zu bremsen als zu fördern. Spoerr mutmaßte gar, die RegTP als staatliche Behörde wolle die Telekom schützen.
RUDOLF BOLL Von diesen Vorwürfen war zwar in den Zeitungen zu lesen, uns wurden sie aber nie von den betreffenden Unternehmen vorgetragen. Ich möchte betonen, dass wir in Europa mit die Ersten waren, die das Thema VoIP mit einer Anhörung umfassend angegangen sind. Die Regelungen zur Nummerierung und zu Notrufen berücksichtigen ebenso den Wunsch der Anbieter, schnell und auf gesicherter Basis ihre Produkte auf den Markt zu bringen, wie auch die Verbraucherschutzinteressen, die eine große Rolle spielen.

AVDC Bleiben wir noch bei den Kritikern. EU-Kommissarin Viviane Reding hat kürzlich Ihre Behörde als zu restriktiv gerüffelt die Internet-Telefonie dürfe nicht mit den umfangreichen Regeln der Festnetztelefonie überzogen werden. Welche Gefahren für den Markt und die Verbraucher sehen Sie bei einer zu schnellen, ungeregelten Öffnung?
RUDOLF BOLL Aus Sicht der RegTP geht es nicht um die Gefahren einer »zu schnellen, ungeregelten Öffnung«, sondern vielmehr um die Schaffung von Rahmenbedingungen, die es erlauben, den Wettbewerb zu fördern, Innovationspotenziale freizusetzen, den Nutzern mehr Auswahl und Qualität zu bieten und den Markteintritt zu vereinfachen. Das Handeln der RegTP zielt darauf ab, die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Über den Erfolg bestimmter Geschäftsmodelle wird jedoch nicht die Regulierung entscheiden, sondern d
er Markt und damit der Kunde.