Hotspot im Flugzeug
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In Büros und Haushalten stehen Wireless LANs schon seit Jahren für drahtlosen internet-zugang. In mehreren tausend Metern Höhe ist WLAN-Technik aber noch etwas besonderes. Nicht mehr lange, sagt die skandinavische SAS.

20-30 Dollar pro Flug

Hotspot im Flugzeug

Einen bodenständigen Wireless-LAN-Hotspot betreiben schon viele Cafés, Hotelketten, sogar Tankstellen. Inzwischen finden sich mehrere tausend kommerzielle und kostenlose Funknetzzugangspunkte von hier bis zum Flughafen. Genau dort war bisher Schluss.
Das hat sich jetzt geändert, denn die drahtlosen Zugangspunkte, die die nordische Fluggesellschaft SAS seit März betreibt wollen hoch hinaus: Die Airline hatte zu diesem Zeitpunkt ihre komplette Langstreckenflotte mit WLAN-Access-Points ausgerüstet. Damit gehören Scandinavian Airlines zu den weltweit ersten Gesellschaften, die WLAN auf breiter Front in Linienmaschinen anbieten. Die eigentliche Technik hinter dem Net Access getauften SAS-Produkt kommt von einer Boeing-Tochter (Connexion by Boeing, www.connexion.com) und ist für jede Fluglinie weltweit zu haben. Zu den Vorreitern neben SAS gehören die Lufthansa, All Nippon Airways und Singapore Airlines. Weitere Gesellschaften wie British Airways sind noch nicht über Versprechungen hinausgekommen.
30 Dollar verlangt Connexion für die permanente Internet-Verbindung während eines Langstreckenflugs, 20 Dollar für Flüge unter sechs Stunden. Bezahlt wird per Kreditkarte nach einmaliger Anmeldung auf einem Webportal. Die Anmeldung klappt natürlich auch aus der Luft und muss nicht schon vor dem Abflug erfolgen. Gratiszugriff gibt es auf das bordeigene SAS-Intranet-Portal, das Infos über den Flug liefert und in Zukunft wohl auch Werbung. Alles also wie von stationären Hotspots am Boden bekannt. Nur zehn Kilometer höher.

Bild: Der Airbus A340 der Scandinavian Airlines (SAS) ist über eine Satellitenantenne mit dem Internet verbunden. Jedes WLAN-fähige Notebook eignet sich zum Surfen und Saugen. Selbst IP-Telefonie mit Skype klappt problemlos.


Verbindung per Sallelit

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Immensen Aufwand treiben die Connexion-Techniker, damit die Passagiere mit ihren eigenen WLAN-Notebooks über den Wolken wie gewohnt auf Web oder E-Mail zugreifen können. Kein Vergleich zur simplen Installation eines Hotel-Access-Points. Schließlich gelten bei Beinahe-Schallgeschwindigkeit in bis zu 12 000 Metern Höhe andere technische Spielregeln als im Hinterzimmer einer Café-Bar mit DSL-Anbindung.
Die verbauten Access-Points kommen nicht von der Stange. Je nach Flugzeug sind drei bis sechs Stück an Bord, damit es keine Funklöcher gibt. Um den harten Anforderungen standzuhalten etwa den permanenten Vibrationen , modifiziert Connexion die Geräte vorher. Die WLAN-Strahlung der Access-Points im 2,4-GHz-Band (IEEE 802.11b und 802.11g) ist kein Problem für die Bordelektronik. Die Strahlungsstärken sind sehr gering und die Flugzeugtechnik verwendet dieses Funkfrequenzband ohnehin nicht.

Problem Verbindung
Das grösste Problem ist die eigentliche Internet-Anbindung. Diese realisiert Connexion per Satellitenantennen auf dem Dach der Flugzeuge. Die momentan eingesetzte erste Generation kann Daten mit bis zu 20 MBit/s empfangen, gleichzeitig aber nur 0,5 MBit/s versenden. Da sich die die Bandbreite durch die Anzahl aller fliegenden WLAN-Nutzer teilt, hat der Einzelne typische Downloadraten von 21,5 KByte/s (siehe Seite 132) und Uploadraten von 8,4 KByte/s. Somit ist die Geschwindigkeit schneller als ein ISDN-Zugang: Im Download erreicht das System fast das dreifache Tempo und das Pushen der Daten ist geringfügig schneller als ein ISDN-Kanal. Eine typische 100-KByte-Word-Datei herunterzuladen dauert also nur vier Sekunden, wohingegen der Upload immerhin zwölf Sekunden erfordert.


VPN möglich

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World Wide ist dieser Webzugang allerdings nicht, denn die Antennen sind hinsichtlich ihres Abstrahlwinkels eingeschränkt. Derzeit klappt On-Flight-Internet nur bei Strecken über der Nordhalbkugel.
Die Satelliten sind mit Bodenstationen in Kontakt, die den Internet-Zugang herstellen. Trotz der vielen Stationen ist sichergestellt, dass die User auch VPN-Verbindungen nutzen können – wichtig für Geschäftsleute, die sich bei ihrem Arbeitgeber einloggen wollen. Laut Connexion-Technikern gibt es keine Traffic-Filter, so dass sogar Filesharing klappen sollte: eMule in der Business-Class.
Mit den Access-Points ist es hinsichtlich der Hardware in der Maschine aber nicht getan. Im Bauch der Flugzeuge finden sich Racks gefüllt mit Switches, Routern und Security-Hardware. Dazu Connexion-Techniker Mike Turner: »In einer voll besetzten Maschine sitzen über 300 Leute. Da fliegt also ein mittelständisches Unternehmen umher, und entsprechend umfangreich muss die Ausstattung auch sein.« Zudem ist geplant, das bordeigene und ressourcenhungrige Entertainmentsystem künftig ebenfalls über die IT-Infrastruktur zu betreiben: Movies on Demand dann auch in der Touristenklasse.

Bild: Die Antenne (links) sitzt unter einer Haube auf dem Dach des Flugzeugs. Mehrere im Innenraum platzierte Access-Points stellen den Reisenden WLAN am Sitzplatz zur Verfügung.


Messergebnisse

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Über die Security-Ausrüstung will Turner lieber nichts Genaues sagen um gezielten Angriffen keine Chance zu geben. Denn schließlich sind die WLAN-Flieger Internet-Clients mit IP-Adresse wie jeder Heim-PC auch. So viel ist durchgesickert: An Bord befindet sich eine mehrstufige Firewall, die auch die Passagier-Notebooks gegen Online-Angriffe von am Boden hockenden Crackern schützt.
Probleme gab es, als IT- und Flugzeug-Verantwortliche zum ersten Mal aufeinander trafen. Denn die aus der IT-Welt gewohnten Hardware-Austauschzyklen von knapp zwei Jahren stießen bei den Airplane-Managern auf Befremden. Schließlich ist die Lebenserwartung ihrer Hardware bis zu fünfmal länger. Und nur alle vier bis fünf Jahre nimmt die Wartung beim Check größere Veränderungen wie den Austausch der Antenne an einer Maschine vor.
Übrigens: Das Abschalten von Handys während des Fluges könnte bald Geschichte sein. Simulierte GSM-Basen im Flugzeug senken die Sendeleistung der Telefone und verhindern so, dass sie das Funksystem beeinflussen. »Wireless Cabin« nennt Boeing das Projekt. Die übrige Bordelektronik bleibt, laut Turner, von GSM unbeeinflusst ~bis auf den Funk. Wer also direkt nach der Landung sein Handy einschaltet, stört den Sprechfunk zwischen Pilot und Tower.

MESSUNGEN
Download
Windows XP, Servicepack 2

UMTS: 29,7
SAS Net Access: 21,5
ISDN: 8,0

Upload
Windows XP, Servicepack 2

UMTS: 9,5
SAS Net Access: 8,4
ISDN: 8,0


Interview

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AVDC Wie viele Flugzeuge sind im Moment mit dem WLAN-Internet-Zugang von Connexion by Boeing ausgestattet?
DEAL Ende Februar waren es knapp 40 Langstreckenflugzeuge von den Gesellschaften Lufthansa, SAS, ANA, Singapore Airlines und JAL. Es kommen aber pro Woche acht bis zehn Maschinen hinzu.

AVDC Sind die fliegenden Surfer denn mit dem Service zufrieden?
DEAL Ja, wir bekommen durch die Bank positives Feedback. Einzig die Preise werden hin und wieder bemängelt.

AVDC Sind denn Preissenkungen geplant?
DEAL Nein. Meiner Meinung nach sind 30 Dollar pro Langstreckenflug beziehungsweise 19 Dollar für kürzere Strecken (bis zu sechs Stunden; Anm. d. Red.) faire Preise. Wir werden aber in Kürze Prepaid-Karten und günstigere, stundenweise Zugänge anbieten.

AVDC Viele Passagiere fürchten, dass das WLAN die Flugzeugelektronik stört. Wie steht es denn um die Sicherheit?
DEAL Die bis zu sechs Wireless-L
AN-Access-Points an Bord beeinflussen Instrumente wie Radar oder Cockpit-Funkgerät keinesfalls. Zum einen sind die Strahlungsstärken der Access-Points zu gering. Zum anderen funken sie mit 2,4 und 5 GHz in Frequenzbereichen, die die Elektronik an Bord der Maschinen ohnehin nicht beeinträchtigt.

AVDC Sind auch Handy-Telefonate an Bord denkbar?
DEAL Auf jeden Fall. Wir arbeiten mit Hochdruck an der so genannten »Wireless Cabin«. Ich denke, bis Mitte 2006 sind wir soweit. Dann sind alle technischen und regulatorischen Probleme vom Tisch.

AVDC Welche regulatorischen Probleme gibt es denn?
DEAL Die Mobilfunkbetreiber verlangen von uns, dass ein Flugzeug mit aktivem GSM-System die Netze am Boden nicht stört. Für die Betreiber ist es ein Albtraum, wenn sich hunderte von Handys mit 900 km/h über die auch in der Luft empfangbaren GSM-Netze hinwegbewegen. Außerdem gilt es, die bestehenden Roaming-Preise und Abkommen zu berücksichtigen, um keinen GSM-Provider zu verärgern.

AVDC Wie wird das GSM-Netz der Wireless Cabin technisch funktionieren?
DEAL Wir installieren an Bord GSM-Basisstationen von der Größe eines WLAN-Access-Points. Diese so genannten Pico-Zellen lassen sieben GSM-Gespräche parallel zu. Gleichzeitig drücken sie die Funkleistung der Handys auf ungefährliche 0,1 bis 0,3 Milliwatt, da die Telefone nur wenige Meter Funkstrecke überbrücken müssen. So beeinflussen die Handys nicht die Bordelektronik.

Bild: Stanley Deal ist Vice President of Commercial Airline Business bei Connexion by Boeing


Interview

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AVDC Die Vorstellung, dass andere während eines Fluges fortwährend telefonieren, ist für viele Passagiere ein Albtraum ?
DEAL ? was den Airlines auch vollkommen bewusst ist. So wird beispielsweise darüber nachgedacht, spezielle Ruhezonen in den Flugzeugen einzurichten oder während der Nachtstunden lediglich Versand und Empfang von SMS zu zulassen.

AVDC Warum eigentlich aufwendig GSM-Netze nachbilden, wenn Telefonate doch auch per WLAN klappen?
DEAL Glauben Sie mir: Voice over IP steht ganz oben auf unserer Liste. Wir testen seit Monaten intensiv und ich bin sicher, dass Passagiere bald über WLAN-Telefone auch Gespräche mit Teilnehmern am Boden führen können. Was dieser Zusatzservice kosten wird, kann ich aber noch nicht sagen.

AVDC Wie steht es mit dem bordeigenen Entertainmentsystem? Wollen Sie hier auch auf WLAN setzen?
DEAL Auf jeden Fall. Unser Plan ist es, bis 2010 alle Dienste in der Kabine über WLAN und IP anzubieten. Somit können Passagiere die Spielfilme auch auf ihren deutlich größeren Notebook-Displays anschauen. Nachdem es aber bereits Firmen gibt, die On-Board-Entertainment-Technik anbieten, sind wir mit Sicherheit nicht die einzigen, die über Video on Demand über IP nachdenken. Der neue Langstreckenjet 787 unserer Konzernmutter Boeing wird allerdings komplett mit unserer Technik ausgestattet.

AVDC Zurück zur Gegenwart: Während unserer Tests war die Geschwindigkeit sehr gut. Ist das vorübergehend, weil es momentan nur wenige User gibt?
DEAL Nein, die Datenraten werden auch in Zukunft bei steigender Nutzerzahl so hoch bleiben. Wir können jederzeit mehr Kapazität bei den Satellitenbetreibern anmieten und so mehr Flugzeuge mit mehr surfenden Passagieren online bringen. Wir können die Up- und Download-Raten auch erhöhen.