Spiegelreflexkameras im Test
Canon EOS1 & Nikon D2X

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Das Lange Warten auf ein konkurrenzfähiges Produkt in der Kategorie Profi-Spiegelreflexkameras hat ein Ende. Die Neue D2X ist eine Herausforderung für den Marktführer. Der Zweikampf der Titanen beginnt.

Highend-Kameras

Spiegelreflexkameras im Test

Anders Uschold hat schon viele Kameras getestet. Er weiß, dass Überraschungen dabei selten sind. Aber heute ist so ein Tag, an dem das Unerwartete förmlich in der Luft liegt. Draußen tobt sich der Winter in seinem letzten Schneesturm aus. Irgendwo in diesem Weißgestöber steckt der Kurierdienst, der Uschold die neue Wunderwaffe von Nikon bringen soll.
Die Kamera, die endlich mit Canons Vorherrschaft auf dem Markt der Highend-Spiegelreflexdigitalkameras Schluss machen soll, heißt ganz simpel D2X. Zwei Tage zuvor hat Nikon sie auf den Exposure Days den gespannten Profis und Journalisten vorgestellt. Als einer der Ersten in Deutschland erhält Anders Uschold ein Testgerät, das er für AVDC gegen die Canon EOS-1D Mark II antreten lassen will. Ein eigentlich ungleicher Zweikampf, denn die Canon bringt mit 16,7 Megapixeln über vier Millionen Bildpunkte mehr ins Rennen als die Nikon mit ihren 12,4 Megapixeln. Doch Zahlen sagen nicht alles schon gar nicht bei Digitalkameras. Viel wichtiger als die schiere Pixelzahl sind die kamerainterne Aufbereitung der Daten, das intelligente Management von Bildschärfe und Rauschen, das optimale Verhältnis von Objektiven und Sensoren. »Das ist wie bei Formel-1-Rennern. Die richtige Abstimmung von Fahrwerk, Motor, Aerodynamik und Reifen entscheidet über Sieg und Niederlage, nicht ein einzelner Leistungswert.«

Bild: 4 Megapixel weniger und rund 2000 Euro billiger: Nikons D2X erreicht Traumnoten im Testlabor und ist leistungsfähiger als die Canon EOS-1DS Mark II. Im Vergleich der beiden Kameras entscheiden verblüffende Labordaten.


Testlabor

Spiegelreflexkameras im Test

Das Testlabor von Anders Uschold ist ein Paradies für jeden, der sich mit Foto auskennt. Fein säuberlich in Schränken und Regalen stapeln sich Digitalkameras aller Leistungsklassen, vom einfachen Kamerahandy bis zur fast monströsen Digitalspiegelreflex mit WLAN-Adapter. Dazu jede Menge Blitzgeräte, Batteriepacks und Objektive, vom extremen Fisheye-Weitwinkel bis zum Ultrateleobjektiv, das aus einer Sternwarte zu stammen scheint.
Das Testequipment liegt bereit, vor den verdunkelten Fenstern tobt weiter der Sturm. Ralf, der Assistent von Anders, reinigt ein letztes Mal das Referenzobjektiv, ein speziell für digitale Spiegelreflexkameras optimiertes Nikon AF-S DX 1755 mm/2.8 G IF-ED. Die Mehrzahl der Objektive ist für derart anspruchsvolle Tests, wie sie im Labor von Anders Uschold laufen, nicht leistungsfähig genug. »Die übliche Grenzauflösung bei analoger Fotografie misst ungefähr 10 µ, das ist ein Hundertstel Millimeter, und auf diese Auflösung hin sind normale Objektive gerechnet«, erläutert Anders. »Bei derart dicht gepackten Sensoren wie bei der Canon oder der Nikon haben wir es mit nur halb so großen Bildpunkten zu tun. Diese deutlich höhere Auflösung kann man nicht von jedem Objektiv erwarten.«

Die Canon EOS1 Ds Mark ii Gilt quasi als Standard bei Profifotografen. Doch die meisten Objektive können die hohe Auflösung des Sensors nicht ausnutzen. Die tatsächliche Bildinformation ist geringer als bei der neuen Nikon D2X.


Der erste Test

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Es klingelt. Ein Kurierfahrer, etwas zerzaust und sichtlich entnervt vom Verkehrschaos, überreicht ein versiegeltes Paket. Jetzt nur noch ein wenig warten, bis sich das Gerät an die Raumtemperatur angeglichen hat und dann kanns losgehen. Anders schraubt das Testobjektiv auf und befestigt die Kamera in definiertem Abstand zur Testtafel aus Siemenssternen ein standardisiertes Muster aus Linien, die sich zur Bildmitte hin immer enger konzentrieren, Positionsmarken und hochkontrastigen Übergängen.
Der erste Test misst noch gar keine Leistungswerte, sondern soll nur sicherstellen, dass der Bildsensor auch exakt zentriert und nicht etwa schief eingebaut ist. Das würde die späteren Testergebnisse massiv verfälschen. Die EOS-1D Mark II, die Anders schon im Herbst im Labor hatte, musste den aufwendigen Prüfparcour bereits damals passieren, um messverfälschende Einflüsse auszuschliessen.
Ein erster Blick auf die Aufnahmen beruhigt die Tester. Die Kamera scheint »sauber« zu sein. Anders schweigt und sieht genau. »Was stimmt nicht?«, fragt Ralf, auf einmal neugierig. Sein Chef blickt auf. »Das Bild«, sagt er, »sieht ja verdammt gut aus. So genau aufgelöste Strukturen habe ich noch nie gesehen«.


Weitere Testserien

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Jetzt wird es spannend, denn mit den nun folgenden Testserien wird er der Nikon ganz genau auf den Zahn fühlen. Bestätigen sich die sehr guten Eindrücke vom ersten Warmlaufen mit dem Siemensstern? Oder haben die Ingenieure bei Nikon ihr neuestes Modell nur radikal in Richtung Auflösung getrimmt und sich damit andere Probleme eingefangen?
»In der Regel ist es so, dass eine Kamera bei Bestwerten in der Auflösung heftige Störungen in feinen Bildstrukturen zeigt. Die Ingenieure der Kamerahersteller müssen deshalb immer Kompromisse eingehen. Für ein störungsfreies Bild akzeptiert man beispielsweise etwas weichere Kanten und damit Verlust an Schärfe; knackigere Ergebnisse gehen stattdessen zu Lasten feinster Strukturen. Aber die wahre Kunst«, meint Anders, »liegt in der Optimierung der Kamerasoftware. Denn die legt in komplexesten Rechengängen die Abstimmung zwischen den beiden Polen Auflösung und Störungsintensität fest.«
Mit zahlreichen weiteren Testvorlagen geht es nun ans Ausmessen von Dynamikumfang, Kantenscharfzeichnung und Rauschen. Immer mehr Bilder sammeln sich auf dem Server des Testlabors und nach gut zwei Stunden startet Anders das erste Mal die Auswertung, um die Ergebnisse in der speziell dafür entwickelten Softwareumgebung DCTau genau zu analysieren.


Problem Randabdunkelung

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Anstatt visuell Pixel zu zählen oder Farbwerte mit der Pipette aufzunehmen, tastet DCTau mit über hunderttausend Einzelmessungen die Bilder ab. Erst das ermöglicht eine korrekte Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit dem Test der Canon vom letzten Herbst.
Warum Anders ausgerechnet das brandneue, digitaloptimierte Nikon-Zoom als Referenzobjektiv verwendet?

Lieblingsthema Objektive
Er kommt auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen: Objektive. »Die Canon habe ich zum Beispiel mit einem vergleichsweise günstigen und bewährten Tamron-Zoom getestet, dem SP AF 2875 mm F/2.8 XR. Das hat dank seiner neuen optischen Rechnung viele Digitaltests gewonnen und ist wirklich hervorragend. Überhaupt ist es oft so, dass die lichtstärksten Modelle digital eingesetzt häufig Einschränkungen zeigen. Die Bildqualität leidet, wenn man die Blende zu weit öffnet, weshalb man sie dann ohnehin auf mindestens 1:4 abblenden sollte. Bessere Erfahrungen machen wir mit den lichtschwächeren 1:4-Objektiven, die kosten und wiegen meist weniger als die Hälfte eines 1:2,8ers und sind viel kompakter. Das Hauptproblem mit Analogobjektiven ist neben der Abbildungsschärfe die Randabdunkelung. Nahezu jedes Objektiv wird zum Bildrand hin dunkler. Bei Digitalkameras ist das aber zusätzlich problematisch, weil die Bildsensoren am Bildrand das schräg einfallende Licht nur noch teilweise und damit schlechter verwerten können, als es normaler Film tut. Für Digitalkameras braucht man also Objektive mit einer großen Ausgangslinse, die das Licht über die gesamte Fläche des Sensors möglichst vertikal abgibt. Was ist denn?«


Der Vergleich

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Ralf hat schon eine Weile auf den richtigen Moment gewartet. »Anders, schau doch das mal an.« Die Tester ergehen sich eine Weile lang in technischem Kauderwelsch, überprüfen die eingegebenen Werte, sehen sich die Testbilder immer wieder an und runzeln die Stirn. Auch Anders ist sichtlich verblüfft: Die Nikon zeigt
nahezu perfekt abgestimmte Schärfe bei erstaunlich niedrigen Störungen eine Meisterleistung der Sensorik und internen Signalaufbereitung. Farbrauschen kennt sie praktisch nicht, Tonwerte stellt sie fast so exakt dar wie ein Messgerät. Die Randabdunkelung fällt deutlich milder aus als bei der Canon, was am kleineren Bildsensor liegt, der den optisch optimalen Bereich in der Mitte des Bildfelds besser nutzt. Die Linien im Siemensstern sind nicht nur wie bei der Canon in der Horizontalen und Vertikalen messerscharf, sondern auch in den Schrägen, wo die Canon deutlich weicher wird. Mit einem Mal wird allen im Labor die Sensation bewusst. »Die haben einen genial optimiertes System gebaut«, urteilt Anders. »Da ist alles perfekt abgestimmt. Nur beim Dynamikumfang hat die Canon einen leichten Vorteil, aber alles andere Chapeau!«

Die Nikon holt mehr heraus
Die beiden rechnen den tatsächlichen Informationsgehalt der Bilder nach. Kein Zweifel: Die Nikon holt deutlich mehr aus den Motiven heraus, obwohl sie über vier Megapixel weniger hat als die Canon. »Das hätte ich mir so nicht vorstellen können«, sagt Anders und tritt ans Fenster. Das Chaos hat sich gelegt, nur einzelne Flocken gehen wie abgezirkelt durch die klare Luft. »Diese Kamera ist ein technisches Meisterwerk.«
Und was heisst das für einen normalen Fotografen? »Beide sind sehr, sehr gute und außergewöhnlich leistungsfähige Kameras«, erklärt er. »Wir bewegen uns hier im Grenzbereich des technisch Messbaren. Die Nikon punktet in erster Linie durch eine geniale Feinabstimmung der Software und den Vorteilen, die der kleinere Bildsensor mit den getesteten Objektiven bringt. Da kann die Canon einfach nicht mithalten.»
Der Tag im Labor geht noch weiter: Anders und Ralf testen die Kameras noch mit jeweils zwei weiteren Objektiven, vom starken Weitwinkel bis zu Tele- und Makro-Optiken, doch am Ergebnis ändert das nichts mehr: Die Nikon D2X ist trotz viel geringerer Pixelzahl in der Gesamtleistung die bessere Kamera. Jetzt muss Canon wieder nachlegen.


Testergebnisse

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Eingangsdynamik:
Beim Umgang mit kontrastreichen Motiven zeigt die Canon souveräne Spitzenwerte von ISO 50 bis ISO 800. Danach fällt sie normal ab. Die Nikon startet auch mit sehr guten Werten und zeigt dann einen üblichen Abfall zu den höheren ISOEmpfindlichkeiten.