IT Markt – Glosse
Ein Gerichtsdrama wie ein IT-Denver-Clan

IT-ManagementIT-ProjekteNetzwerk-ManagementNetzwerke

Das Gerichtsverfahren Oracle gegen US-Justizministerium enthüllt die geheimen Konversationen der Reichen und Berühmten der IT-Welt.

IT Markt – Glosse

Falls es überhaupt geschieht, wird es noch einige Zeit dauern, bis IT soweit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit vorgestoßen ist, dass jemand eine Seifenoper schreibt, die in der aktionsgeladenen Welt der Technologie spielt.

Sollte das aber der Fall sein, kann man für die Drehbücher auf eine Menge Material zurückgreifen, das ein US-Gericht im letzten Monat geliefert hat.

Das Gerichtsdrama hat sich auf den Versuch von Oracle konzentriert, die Entscheidung der US-Regierung umzustoßen, dass das Unternehmen den konkurrierenden Software-Anbieter PeopleSoft nicht übernehmen darf.

Der Fall ging letzte Woche zu Ende, aber er hat alle möglichen Einblicke in die geheime Arbeitsweise der größten amerikanischen IT-Unternehmen gegeben und in die Unterhaltungen, die beim Lunch in Silicon Valley und Seattle geführt werden.

“Wie kann man eine Seifenoper besser beginnen als mit einem Plan zur Übernahme der Weltherrschaft?”

Zuerst stellte sich heraus, dass Microsoft und SAP einen Plan ausgebrütet hatten, die beiden größten Software-Lieferanten der Welt zusammenzuführen (wir berichteten). Wie kann man eine Seifenoper besser beginnen als mit einem Plan zur Übernahme der Weltherrschaft?

Der Plan, bekannt als “Project Constellation”, liest sich wie ein Roman von Tom Clancy. Vertrauliche Dokumente, die dem Gericht vorgelegt wurden, zeigen, dass Microsoft die wichtigsten Akteure mit Codenamen versehen hat – SAP war Sagittarius, Oracle war Ophiuchus, Siebel war Sirius, und aus PeopleSoft wurde Pegasus. Als Eigenlob für diese clevere Idee verlieh Microsoft sich selbst das Pseudonym Mensa.

Die “strategischen Argumente” für Constellation waren laut Mensa umfangreich. “Eine neue Welle von Innovationen bricht los”, befindet der hochgeheime Bericht.

Im Drama gibt es Emotionen Eifersucht, Erniedrigung und Ego toben sich aus. Und wenn es um Ego geht, muss man sich nur den Dirty Harry der IT anschauen Larry Ellison, Chief Executive von Oracle.

Ellison hat enthüllt, dass Craig Conway, Boss von PeopleSoft, sich ihm mit dem Vorschalg genähert habe, man solle das Anwendungsgeschäft der beiden Firmen zusammenlegen. Die Gespräche scheiterten an – erraten – Ego-Problemen. Beide wollten die kombinierte Einheit leiten, keiner wollte nachgeben.

Jetzt verfolgt Ellison seinen ehemaligen Angestellten mit einem Angebot für eine feindliche Übernahme. Nicht vergessen, Conway hat Ellison auch schon einen “Psychopathen” genannt.

Ganz nebenbei hat Oracle sich überlegt, so ziemlich jeden Konkurrenten zu kaufen – BEA, Lawson, Documentum und sogar JD Edwards, den Lieferanten, den PeopleSoft in einer bizarren IT-Dreiecksgeschichte übernommen hat.

In einem Auftritt, der eines JR Ewing würdig gewesen wäre, behauptete Ellison außerdem, dass ein weiterer seiner ehemaligen Angestellten darum bettele, gekauft zu werden.

“Tom Siebel kam zu meinem Haus und versuchte, mir Siebel zu verkaufen”, erzählte er dem Gericht. Stellen Sie sich vor, wie Tom – sicher gespielt von Al Pacino – in dem fernöstlich gestylten Haus der Oracle-Gründers auftaucht. Larry Ellison – vielleicht John Travolta, vielleicht Nicholas Cage, oder sogar ein bärtiger Clint Eastwood – Meister all dessen, was er erblickt, zerschmettert die Hoffnungen seines Rivalen mit einem siegesgewissen Grinsen und winkt ihm zum Abschied aus seinem japanischen Garten des Friedens und der Ruhe.

“Die Prozesseinzelheiten à la John Grisham reichen noch nicht für eine ganze Seifenoper aus…”

Aber die Prozesseinzelheiten à la John Grisham reichen noch nicht für eine ganze Seifenoper aus. Man benötigt mehr Charaktere, und so kann man nur über zukünftige Drehbücher spekulieren.

Natürlich sollte es eine dominante Frauenrolle geben – wer wäre da besser als jemand, der sich unter allen Kontroversen durch den größten IT-Merger aller Zeiten gekämpft hat? Vor zwanzig Jahren hätte mit Sicherheit Linda Evans aus dem Denver-Clan mitsamt ihrer Schulterpolster Carly Fiorina gespielt, Chief Executive von HP. Aber heute? Meryl Streep? Sharon Stone? (Die verbitterten ehemaligen Compaq-Mitarbeiter, die Pauline Fowler vorgeschlagen haben, sollen sich schämen.)

Und natürlich käme keine IT-Soap aus ohne die übermächtige Präsenz von IBM und Microsoft. Bill Gates wurde bereits parodiert – wenig glaubwürdig von Tim Robbins in AntiTrust – aber Sam Palmisano, Chief Executive von IBM, ist in der Öffentlichkeit viel weniger bekannt und könnte als düstere Figur im Schatten auftauchen – etwa so wie der Imperator in Krieg der Sterne
.

Die IT-Profis, die sich das ganze Drama ansehen, können erkennen, wie sich eine echte Story entwickelt. Erst in der letzten Woche waren IT-Aktien von einer Reihe von Gewinnwarnungen betroffen und von Befürchtungen, dass die erhoffte Erholung noch immer nicht in der Nähe ist.

Wer macht den typischen Lindenstraßen-Abgang?

Angesichts dessen, was über die Dinner-Partygespräche der wichtigen Akteure von Silicon Valley bekannt ist, ist es unausweichlich, dass es zu größeren Konsolidierungen und überraschenden Übernahmen kommen wird. IT-Vorstände, die sich für die Zukunft ihrer Lieferanten interessieren, stellen sich die große Frage, wer den Lindenstraßen-Abgang macht und als nächster auf dem Friedhof landet.