IT Markt – Analyse
Wenn SAP zum Verkauf stünde, wäre keiner mehr sicher

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Die Nachricht, Microsoft habe Fusionsverhandlungen mit SAP geführt, lässt Martin Veitch vermuten, dass die Anbieter-Vielfalt wohl bald der Vergangenheit angehören wird.

IT Markt – Analyse

Der Begriff “risikoscheu” gehört zu den unfreundlichen Adjektiven, die im IT-Jargon kursieren. Analysten sparen nicht damit, wenn sie von Firmen sprechen, die sich vor sämtlichen Eventualitäten schützen zu müssen. In Wahrheit liebt niemand das Risiko, doch wie der Tod, die Steuern und die Armen ist es stets gegenwärtig.

Bugs, Viren, Stromausfälle, Katastrophen durch höhere Gewalt, bösartige Attacken, Vertragsquerelen, Firmenkonkurse, Fusionen und Übernahmen – alles Beweise dafür, dass die bestgeplanten IT-Strategien scheitern können.

Was die rein technischen Probleme betrifft, so lässt sich zumindest das Ziel der “Best Practice” anstreben. Server und Kommunikationsverbindungen können durch Ausfallsicherheits-Maßnahmen vor dem Zusammenbruch bewahrt werden, Daten lassen sich an einem anderen Standort spiegeln, und Telekommunikations-Verträge können so abgeschlossen werden, dass der Anbieter für einen Breakdown-Schaden aufkommt.

Ganz andere Probleme stehen an bei der Auswahl eines Software-Anbieters. Wenn Sie eine größere Investition in ein Softwaresystem getätigt haben, mit der Sie geschäftskritische Operationen Ihres Betriebs ausführen lassen, dann werden Sie kaum begeistert sein, wenn der Anbieter pleite geht oder aufgekauft wird. Im letztgenannten Fall können Sie noch froh sein, wenn der Nachfolger sich an vereinbarte Marschrouten sowie Service und Support hält. Allzu oft passiert es, dass das Personal wechselt, die Technologien anderen Käuferwünschen angepasst werden, das geplante Upgrading nicht mehr passt und die Supportkosten ins Uferlose steigen.

Die klassische Präventiv-Haltung beruhte auf dem Slogan “es ist noch niemand gefeuert worden, weil er IBM aufgekauft hat”. Das Prinzip der Loyalität gegenüber den größten Anbietern hat in den letzten Jahren tatsächlich ein Comeback erfahren, aber die Enthüllung von Microsofts Fusionsgesprächen mit SAP zeigt einmal mehr, wie wenige Softwarefirmen es noch gibt, die für risikoscheue Produktkäufer in Frage kommen. Wer will schon, dass seine funktionierenden Anwendungen “microsoftiert” werden?

Wenn eine solch wichtige Firma gekäuft würde – wer wäre die nächste?

So groß SAP auch ist: Ließe sich die deutsche Firma auf einen Deal ein, müsste sie sich einem strengen Regiment durch Microsoft beugen, fiskalisch wie produkttechnisch. Mit einer Kapitalausstattung von 285 Milliarden US-Dollar nimmt Microsoft nach Einschätzung von Branchenkennern einen 5 bis 6 Mal höheren Wert im Markt ein als SAP. Und das ist mehr als nur eine Sichtweise: Microsoft hat auch dann den mehrfachen Kapitalumfang von SAP, wenn man die Einkünfte und den Gewinn betrachtet. Die Kluft zwischen den “Großen” und “Kleinen” im Softwaremarkt lässt befürchten, dass die Zahl der großen Software-Anbieter, bei denen man nicht davon ausgehen muss, dass sie in den nächsten paar Jahren von einem anderen einverleibt werden, auf zwei schrumpft: Microsoft und IBM.

Wie steht´s mit Oracle? Wenn Microsoft SAP übernehmen würde, wäre Oracle für IBM ein gefundenes Fressen. Und auch wenn das Argument eines Monopols auf Datenbank-Software Regulierungsbehörden zur Blockade dieses Deals veranlasst, bleibt Oracle gewissermaßen auf der Strecke und müsste sich möglicherweise Schmeicheleien eines Hardware-Riesen auf der Suche nach einem Software-Partner beugen. HP vielleicht.

Alle Mega-Geschäfte bringen das Gleichgewicht im Software-Universum gehörig in Gefahr und lassen Firmen wie CA, Siebel, PeopleSoft, Sybase, Adobe oder Novell vergleichsweise winzig erscheinen, mit der Folge eines M&A-Dominoeffekts (Mergers&Aquisitions). Business-Gurus sagen schon lange voraus, dass der IT-Markt der klassischen Entwicklung anderer Sektoren folgen werde: dem Zusammenschrumpfen auf ein paar Giganten, die die Sache unter sich klar machen. Vielleicht befinden wir uns jetzt in bedenklicher Nähe dieses Szenarios.

Gleichgewicht im Software-Universum in Gefahr?

Für uns Konsumenten bedeutet das den Verlust der freien Auswahl eines Anbieters, die Wahrscheinlichkeit, auf ganze bestimmte Hardware-/Software beschränkt zu werden, und die Gefahr sprunghaft ansteigender Preise.

Und die gute Nachricht? Der IT-Markt hat sich bis jetzt als widerstandsfähiger gegenüber reduktionistischen Tendenzen erwiesen als die meisten anderen Industriebereiche. Diesem “Verfall” entgegenwirkende Kräfte finden Rückhalt in Technologien wie Java und OpenSource/Linux, die zu einer ganzen Flut neuer Firmengründungen geführt haben. Aber welcher noch so mutige IT-Manager würde schon gegen die neuen Software-Giganten nie gekannter Dimension Budgets verplanen oder eine Wette eingehen?