Betriebssysteme im Wandel
Will Sun shine in 3D?

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Eine neue 3D-Benutzeroberfläche von Sun könnte den Weg frei machen für
neue Anwendungen. Aber sind die Vorteile groß genug, fragt sich Dave
Bailey, um Firmen den Kick für eine Migration zu liefern?

Betriebssysteme im Wandel

Als ich mich neulich spät am Abend durch die Fernsehprogramme zappte,
landete ich in einer “Open University”-Sendung über
Computer-Technologie. Es ging um einen Datei-Browser, der eine 3D-GUI
verwendete, die selbst meine schlaftrunkenen Augen noch als äußerst
ansehnlich erkannten.

Die gezeigte Demo gab einen Einblick in das
Dateisystem, mit dem das Stöbern in Dateien wesentlich einfacher zu sein
schien als mit anderen derzeit marktgängigen Tools. Selbst für Benutzer,
deren Ordner sich bereits in Gebilde hochkomplexer Struktur verwandelt
haben, schien es möglich, sich den Aufbau mit einem Blick zu
vergegenwärtigen.

Jeder, der einmal einen kleinen Abstecher in
eines der neuesten 3-D-Games gemacht hat, um dann wieder, sich durch
tausend Fenster wühlend, zum grauen Alltag unserer Geschäftsanwendungen
zurückzukehren, hat sich vielleicht gefragt, wieso der eine oder andere
Anbieter nicht schon einmal auf Idee gekommen ist, seine Anwendungen und
Betriebssysteme ebenfalls mit solchen netten 3D-Features aufzupeppen.
Schließlich hängt der Prozessor, wenn er nicht gerade mit einem
superinnovativen Spiel neuester Technologie zu tun hat, ohnehin nur im
Leerlauf, während Sie über Ihre nächste Aktion brüten.

Gut, vor
zehn Jahren wäre jeder PC an den Berechnungen erstickt, die er hätte
anstellen müssen, um ein ordentliches 3D-Bild auf den Bildschirm zu
kriegen. Aber moderne Prozessoren könnten eine 3D-Benutzeroberfläche
wahrscheinlich leicht verkraften, denn die meiste Arbeit erledigt
ohnehin die Grafikkarte.

Der neueste Accelerator des
Grafikchip-Anbieters Nvidia, die GeForce 6800 Ultra, hat fast zweimal so
viele Transistoren wie Intels Prescott-Version des Pentium 4; und seine
Fähigkeiten haben den Spiele-Freaks bereits reichlich Freudengeheul
entlockt.

Mit derlei Gedanken im Hinterkopf, entging auch Suns
“Looking Glass” nicht meiner Aufmerksamkeit. Hideya Kawahara, ein
Java-Programmierer bei Sun, hat hier anscheinend ganze Arbeit geleistet:
Looking Glass arbeitet mit Linux und anderen Plattformen zusammen, auf
denen ein X Windows System läuft. Sun wird das Projekt mit der X
Windows-Gemeinde auf dem nächsten X-Entwicklertreffen diskutieren, das
Ende des Monats in den USA stattfindet.

Auf Suns Website lässt
sich Looking Glass in einer Vorschau bewundern. Doch leider zeigt dieser
kurze Einblick, bei dem Jonathan Schwartz, Executive Vice-President for
Software bei Sun, eine Demoversion von Looking Glass vorstellt, wenig
von einem fähigen 3D-Betriebssystem, so dass bezweifelt werden muss, ob
das Versprochene wirklich gehalten wird.

Ob eine solche
Benutzeroberfläche bei Unternehmen Anklang findet, hängt vermutlich
davon ab, inwieweit sie die Benutzerproduktivität steigern kann und wie
viel Zeit eine Umstellung auf ein neues System, weg von all den
2D-Fenstern, Icons und Mäusen, die uns so vertraut geworden sind,
beanspruchen würde.

Da der Markauftritt von Longhorn, Microsofts
Betriebssystem der nächsten Generation, auf Ende 2006 oder noch später
verschoben wurde, stehen die Chancen für Sun nicht schlecht, seine neue
Benutzeroberfläche zwischenzeitlich auf Linux- und Unix-Plattformen
unterzubringen.

Doch es könnte Probleme geben nicht mit der
Software selbst, sondern mit der Lizenzierung. Da Looking Glass nicht
als Open-Source-Produkt angeboten wird, kann es kaum als Basis eines
Open-Source-Systems, wie wir es derzeit vorfinden, eingesetzt werden.

Falls Sun mit der Sache Ernst machen will – und alles deutet darauf hin, dass
man Ressourcen dafür freistellt -, dann könnten Linux- oder
Unix-Benutzer bald einen 3D-Bildschirm vor sich haben. Kaum auszudenken,
welcher Spielraum für die Entwicklung neuer Anwendungen damit geschaffen
würde.